B.I.L.D Dir doch mal eine Meinung ;-)

Veröffentlicht am Veröffentlicht in Blog, CNBC, Hömma

geschrieben von Isa:

 

berggeist007  / pixelio.de

Einige von Euch haben die Geschichte von Melina Rost vermutlich schon mitbekommen.
Sie sammelt derzeit über ein Crowdfunding-Portal Geld für eine künstliche Befruchtung. caremaker.com
Am 21.3.15 berichtete die Berliner Morgenpost darüber in einem Artikel, dem es gelingt, auch die Thematik rund um die persönliche Geschichte der Betroffenen abzubilden, ohne sich dabei in Stereotypen zu verheddern.

Ich finde es in diesem Fall tatsächlich relativ schwierig, dazu etwas zu schreiben. Denn es gäbe so unfassbar viel dazu zu sagen. Diese Geschichte berührt derart viele Aspekte, individuelle wie auch gesellschaftliche, dass es kaum möglich sein wird, ihnen allen am Ende gerecht zu werden.
Dennoch habe ich mich entschieden, meine 2 Cent dazu mit Euch zu teilen. Ich kann meinen Mund ja eh nur schwer halten 🙂 Und mich interessiert Eure Meinung dazu. Total.

Denn wenn Melina Rost mit ihrer Geschichte und der Bitte um Geldspenden für eine Samenspende an die Öffentlichkeit geht, dann macht sie sie dadurch auch zum Gegenstand öffentlichen Interesses. Und trägt zur öffentlichen Meinungsbildung auf allen Seiten bei. Zur öffentlichen Meinungsbildung über eine Lebensrealität, die ja auch mich/uns thematisch mitbetrifft.

Auch wenn jede Kinderwunschgeschichte individuell ist – wiederfinden kann ich mich in nahezu jeder der zahlreichen Geschichte erst mal grundsätzlich in dem erlebten Schmerz, in dem Karussel aus Hoffen und Bangen und auch in der Trauer um den Verlust der eigenen Kindern in der Schwangerschaft.

Als CNBC wissen wir, dass das Leben oft unvorhersehbare Wendungen nimmt, die die Verwirklichung des Kinderwunsches schwierig machen oder gemacht haben und die ihn manchmal eben auch unmöglich machen. Wir wissen, dass die Gleichung „Erst Karriere dann Kinderwunsch = Pech, zu alt“ eben viel, viel zu kurz greift, wenn man zunehmende und individuelle Kinderlosigkeit begreifen und begründen will.

Viele verschiedene Gründe führen dazu, dass Menschen ungewollt kinderlos sind und manche es auch bleiben.
Aus der Tabuzone ein kleines Stück heraus und in die öffentliche Wahrnehmung hinein gerückt sind in den letzten Jahren heterosexuelle, verheiratete Paare mit Kinderwunsch. Das ist auch wieder so ein Mehrheitsgesellschaftsding, ne 🙂 Unter der Minderheit der Kinderlosen nimmt die Elterngesellschaft als erstes diejenigen etwas wohlwollender wahr, die zumindest andere Merkmale mit ihr teilt. Dass auch das nicht davor schützt, mit unsäglichen Vorurteilen konfrontiert zu werden, ist wohl ad nauseam bekannt.
Insofern finde ich es gut, dass mit Melina Rost auch mal die Geschichte einer Singlefrau mit Kinderwunsch in den Blickpunkt rückt.

Unerfüllter Kinderwunsch betrifft eben nicht nur heterosexuelle
Ehepaare. Sondern auch unverheiratete heterosexuelle Paare und Singles wie auch homosexuelle Paare und Singles. All die haben es sicher noch schwerer. Nicht nur
in der öffentlichen Wahrnehmung und Beurteilung. Sondern sie werden auch benachteiligt,
was die finanzielle Unterstützung bei der Umsetzung ihres
Kinderwunsches angeht.

Die grundsätzlichen Wechselwirkungen zwischen elterlicher Mehrheitsgesellschaft und der kinderlosen Minderheit habe ich irgendwann hier ja schon mal auseinanderklamüsert: Los Wochos !?!

Wenn die Bild-Zeitung nun also auf die Geschichte von Melina aufspringt und dazu titelt „Wer kauft mir ein Baby“ dann ist das für jede CNBC wohl wenig überraschend. Wir sind derartigen Verbaldurchfall zum Thema ja gewöhnt.
Auch wenn ich mich angesichts solcher Aufreisser nicht das erste Mal und wohl auch nicht letzte Mal frage, ob die Auswürfe der Bildzeitung eigentlich noch unter Boulevardjournalismus oder schon unter Körperverletzung fallen.

Ja – der Titel ist eine Unverschämtheit. Und abgesehen davon, dass er jeder Frau, die sich jemals einer reproduktionsmedizinischen Behandlung unterzogen hat und nicht nur der unmittelbar betroffenen Melina massiv in die Eierstöcke tritt, suggeriert er auch noch etwas ganz anderes. Als seien reproduktionsmedizinische Kliniken nichts anderes als hippe Baby-Kaufgeschäfte, in denen man dann halt für Geld das „shoppt“, was die Natur aus eigener Kraft und aus den unterschiedlichsten Gründen nicht oder nicht ohne medizinische Hilfe vermag.
Weiter abgesehen davon, dass ein menschliches Wesen NIEMALS ein Kaufobjekt sein oder als solches betrachtet werden darf. Und was jenseits krimineller Strukturen wohl auch für keinen sauber tickenden Menschen auf der Welt so ist. Eigentlich, ne. Blöd Bildzeitungsredakteure bestätigen als Ausnahme die Regel.

Jaja….hat man ja gewusst oder ? In IVF-Zentren kaufen wir unsere Designer-Babies. Wir legen Augenfarbe und Geschlecht fest. Und der Reproduktionsmediziner ist der Dealer unseres Vertrauens. *möööööööp*

Und in regelmäßigen Abständen hat dann gerne irgendeine Lewitscharoff dieser Welt ihren kurzen Auftritt und kackt zum Thema künstliche Befruchtung einen Haufen auf die Fußmatten derer, die betroffen sind.
Wir erinnern uns, oder ? Auch wenn man sowas freiwillig lieber nie hätte wegputzen wollen müssen. Quelle z.B. Zur TAZ

Aber diese Art der Provokation, ob nun durch die Bild, andere Mainstreammedien oder Lewitscharoff und ihre konservativen Gesinnungsgenossen ist ja gewollt. Sie garantiert Klicks und Käufe und Aufmerksamkeit. Und all das bedeutet für Verlage und Autoren am Ende Kohle. Um was anderes geht es auf dem Niveau nicht. As simple. Meine Meinung.

So sehr ich die persönliche Leidensgeschichte von Melina Rost nachfühlen kann, weil ich ihren Schmerz ähnlich erlebt habe und so sehr ich jede Einzelne feiere, die den Mut hat, das Thema in die Öffentlichkeit zu holen und NICHT zu schweigen…..in diesem Fall stimmt mich etwas anderes aber auch sehr nachdenklich.
Denn bei allem medienwirksamen Moral-Gepöbel über reproduktionsmedizinische Möglichkeiten…..
Die Medaille hat ja auch eine 2. Seite.
Und die heißt Machbarkeitswahn.
Und der wird von vielen ernährt.

– Von „der“ Gesellschaft, die Kinderlosigkeit einfach nicht als Lebensmodell akzeptiert und die einen volkswirtschaftlichen Sündenbock braucht. Gäbe es uns nicht, wären die Renten ja schließlich sicher. Weiß man doch *gähn*
– Von den ewigen Vorurteilen, Kinderlose seien die Egoisten einer Gesellschaft – vorgetragen wie von einer tibetanischen Gebetsmühle. Sogar vom katholischen, kinderlosen Papst. Nicht berücksichtigend, dass die Entscheidung gegen Kinder individuell sogar eine unglaublich verantwortungsbewusste Entscheidung sein kann, die das Gegenteil von Egoismus bedeutet.
– Von dem breit und in vielen unterschiedlichen Lagern transportierten Ideal des leiblichen Kindes als einzig sinnstiftendem Moment (was realiter nichts anderes bedeutet, als den Missbrauch eines anderen Menschen zum Lebensglückerfüllungsgehilfen)
– Und last not least auch von „der“ Reproduktionsmedizin, die in ihrem Außenauftritt mehrheitlich werbewirksam ihre Problemlösungskompetenz verkauft und noch zu selten von Anfang an ihre Patienten und Patientinnen glaubwürdig AUCH darauf vorereitet, dass sie eben NICHT allen Menschen zum Kind verhelfen können. Und die in ihren Statistiken ihre Erfolgsquoten oftmals derart in den Vordergrund rücken, dass man als BetroffeneR nur allzu bereit ist auszublenden, dass auch die andere Seite der Statisktik eben echte Fälle sind – und nicht nur eine beliebige Zahl.
Mir zumindest sind leider ehrlich gesagt auch nach Jahren in der Kinderwunschcommunity nur wenige Ärzte bekannt (auch wenn es sie vereinzelt gibt), die auch dieses mögliche Szenario ernsthaft mit in´s Gespräch holen, geschweige denn öffentlich thematisieren. Ich selber habe es in zwei großen deutschen IVF-Zentren auch nicht erlebt.

Seine persönlichen Grenzen auf diesem Weg zu finden, in einer Welt, in der nahezu alles machbar erscheint,  ist unfassbar schwierig.
Sich selber auszuloten …… zwischen dem eigenen, tief verwurzelten Kinderwunsch, dem negativen Bild das andere über Kinderlosen haben und dem Leistungsdenken einer Gesellschaft, in der gilt, dass man sich einfach nur lang genug anstrengen muss, um etwas zu erreichen ………… kann zu einer echten Zerreissprobe werden. Und aus diesem Spannungsverhältnis treibt es nicht wenige Kinderwünschende über Grenze um Grenze hinaus.

Das vor allem von Außen gestützte Bild, da wo alles machbar sei, da sei auch alles sinnvoll und berechtigt prallt hier mit den vielen Vorurteilen gegenüber kinderlosen Lebensrealitäten zusammen.
Darum ist es auch so schwierig den Aufruf von Melina Rost auch kritisch zu hinterfragen.
Zum einen definiert jeder seine persönlichen Grenzen am Ende eben immer noch selber !
Zum anderen kann jede kritische Reflektion dazu beitragen, Wasser auf die Mühlen derjenigen zu geben, denen vor lauter angefressenem mangelndem Verständnis gegenüber Kinderlosen eh schon die Knöppe von der Hose platzen.

Ich versuch´s mal so…. mit meiner persönlichen Meinung:
Wenn es ein noch größerers Tabu gibt, als ungewollte Kinderlosigkeit – so ist es der Abschied vom Kinderwunsch. Von echtem Verständnis für ungewollt Kinderlose und ihrer wirklichen Unterstützung ist man in Deutschland m.E. noch meilenweit entfernt. So gut wie niemand teilt seine Geschichten, wenn der Weg ohne Kind endet. Weder VL noch RL. Die Scham scheint hier noch um ein Vielfaches höher zu sein.

Die Errungenschaften der Reproduktionsmedizin sind abgesehen von den ungerechten, weil von der Finanzkraft abhängigen Zugangsmöglichkeiten (betrifft übrigens auch verheiratete Paare, die nicht in der Lage sind die 50% Eigenanteil der ersten 3 Behandlungen zu stemmen) unfassbar wertvoll. Das sehe ich absolut so. Solange man auch die möglichen gesundheitlichen Risiken der Behandlungen für Mutter und Kind mitdenkt!

Nevertheless…..solange in dieser Gesellschaft jedoch Kinderlose (egal ob gewollt oder ungewollt) auf vielen Ebenen diskriminiert werden (jahaa – dis-kri-mi-niert !) und Kinderwünschende von kaum einer Seite Unterstützung darin erfahren, ihre persönlichen Grenzen auf diesem Weg wirklich auszuloten und auch dabei Support erfahren, sich eines Tages möglicherweise einer notwendig gewordenen Verabschiedung dieses Wunsches zu stellen, genau solange sind wir noch weit entfernt von dem was hier möglich und vor allem nötig wäre.
Und genau so lange wird ein Riss durch diese Gesellschaft gehen – ein Graben zwischen Eltern und Nicht-Eltern, den sie sich eigentlich nicht leisten kann.
Und …. genau so lange werden eine Vielzahl von ungewollt kinderlosen Menschen in dieser Gesellschaft mit ihrer Verzweiflung am Ende des Tages allein gelassen.

Da wo man schon um ihre Angehörigen trauernden Menschen nur wenig Zeit einräumt, den erlittenen Verlust zu verarbeiten und die Trauer zu integrieren und zu transformieren, („das Leben geht ja schließlich weiter, ne. Weiß man doch“) da gesteht man der Trauer um fehlgeborene Kinder und erst Recht der Trauer um einen zu verabschiedenden Kinderwunsch überhaupt keinen Raum zu.
Die „guten Ratschläge“ und Weisheiten, die man sich als ungewollt KinderloseR anzuhören hat, die sind allzu oft massiv verletzend.

Aus all dem kann auch die persönliche Überzeugung erwachsen, dass ein Leben ohne Kind keine Alternative sein kann. Eine Lebensrealität, die einige scheinbar um jeden Preis zu verhindern suchen. Und damit meine ich nicht (nur) den finaziellen Aspekt. Hier muss nämlich auch der Einsatz physischer und psychischer Ressourcen mitbetrachtet werden – und beide stehen nicht endlos zur Verfügung. Niemandem. Genauso wie die meisten Normalbürger eben  kein unerschöpfliches Budget zur Verfügung haben, aus welchem sie unendliche Behandlungszyklen bezahlen könnten.

Und mit der gebotenen Vorsicht formuliert, die es an den Tag zu legen gilt, wenn man die Situation anderer von außen betrachtet und einordnet – auch wenn man sich bezogen auf die Gesamtsituation auf vergleichbarer Augenhöhe befindet: die Geschichten von KinderwünschlerInnen, die über sämtliche Grenzen zu gehen bereit sind, die nehmen in den letzten Jahren zu. So ist mein Eindruck aus dem Inneren „unserer“ Community heraus….

Und bei sehr vielen dieser Betroffenen mache ich mir weit weniger Sorgen darüber, ob sie die x.te Behandlung auch noch finanziert bekommen – sondern vielmehr darum, wie sie psychisch unversehrt je wieder aus der Kinderwunschabwärtsspirale aussteigen wollen, wenn das ersehnte Kind weiterhin nur ein Traum bleibt. Wie sie in ein glückliches und erfülltes Leben (zurück) finden wollen, in dem es gelingt, existentielle Verluste als das zu akzeptieren, was sie nunmal sind: am Ende nämlich etwas Schicksalhaftes.
Etwas, was wir bei allen Bemühungen und Anstrengungen NICHT wirklich selber in der Hand haben.
Egal wie groß die Sehnsucht nach einem Kind auch sein mag.

Für Melina Rost zähle die Gewissheit, so der Artikel in der Berliner Morgenpost, am Ende alles, aber auch wirklich alles versucht zu haben.
Ich glaube, eine der Herausforderungen ist es gerade, genau diese absolute Gewissheit eben NICHT zu haben, wenn wir den Kinderwunschweg verlassen – sondern aus der Ungewissheit heraus eine eigenverantwortliche Entscheidung treffen zu müssen. Die sich irgendwann eben nur noch daran orientieren kann, dass man das eigene Leben nicht jahrelang verspielen sollte auf der verzweifelten Jagd nach einem Lebens-Traum, dessen Erfüllung wir oft so wenig in der Hand haben.

Lebenszeit ist endlich.
Für alle.

Nachdenklich
Isa

24 Gedanken zu „B.I.L.D Dir doch mal eine Meinung ;-)

  1. Ein fantastischer Artikel, der mir aus der Seele spricht. Danke dafür, dass Du auch denen, die ohne Kinder weitermachen ein Gesicht gibst!
    Alles Liebe

  2. Liebe Juju,

    auch ich noch mal kurz…..

    Das hier….haben bisher keinen Schritt in Richtung Reproduktionsmedizin getan, auch nach mittlerweile 10 Jahren Kinderwunsch nicht. Ich denke, das werden wir auch nicht mehr tun. Genau dort scheint unsere ganz persönliche Grenze zu sein. So werden wir wahrscheinlich mit dem Gefühl leben müssen, nicht alles versucht zu haben. Und doch wissen wir schon jetzt im Innersten, daß wir genau das auf unsere Weise und sehr intensiv getan haben. "

    Amen.

    Denn darum geht es bei all dem Machbarkeitswahn….das Gespür dafür zu behalten, wo die persönlichen Grenzen liegen, die für keine anderen als für Euch stimmen müssen und sich auf dem Boden dieses Wissens in Frieden sagen zu können, dass Ihr alles getan habt.
    Das ist ganz viel Freiheit….das habe ich (mein Weg ähnelt Eurem ein wenig) irgendwann auch erkannt.
    Wenn von Außen der Druck kommt und auch im Inneren ja vorhanden ist, ist es oft schwer, in der eigen Klarheit zu bleiben, jeder für sich und als Paar.
    Das ist eine ganz große Leistung <3!
    Und es tut weh…am Anfang. Muss man nicht schönreden.
    Aber nicht nur….es gibt auch viel wirklich Schönes, dass auf Dich, auf Euch wartet…
    Alles Liebe beim Ankommen,

    xoxo, Belle

  3. Liebe Juju,
    ganz lieben Dank für Deinen sehr persönlichen Kommentar, den ich erst heute entdeckt habe. Ich finde, Du klingst schon sehr klar, bei allem Schmerz und auch bei all der Verunsicherung, die noch herrscht.

    Ja, es ist eine Herausforderung, irgendwann bewusst Abschied vom aktiven Kinderwunsch zu nehmen. Trauer, Zweifel, Müdigkeit…..aber auch Aufbruchstimmung, Neugier und neue Energie. Am Anfang kann das alles sehr wechselhaft sein. Und ich glaube, das wichtigste ist, dass man sich die Zeit nimmt, das alles auch zu verarbeiten. Die Endgültgkeit der Entscheidung macht glaube ich aber VORHER die größte Angst. Die Angst vor dem NIE.
    Als ich diese Entscheidung dann wirklich getroffen hatte, war diese diffuse Angst vor der "Ewigkeit ohne Kind" fast sofort verschwunden. Und ich kenne viele, die einfach auch das Gefühl von Erleichterung darüber verspüren, dass endlich Klarheit herrscht, wo vorher viele Jahre lang die Unklarheit alles dominierte.
    Es ist sicher emotional nochmal anstrengend, sich dann all seinen Gefühlen zu stellen. Aber erst jetzt, wenn man gewisserweise zur Ruhe kommt, hat man die Chance, seine Kinderwunschzeit auch nochmal wirklich zu würdigen. Sich nochmal klar zu machen, wie lang dieser Weg war und wie emotional angestrengt man all die Jahre gewesen ist. Egal wie sehr man vielleicht auch immer wieder für Pausen und Ausgleich gesorgt hat. In der Rückschau sieht man plötzlich einiges sehr viel klarer, was man vorher gar nicht mehr gespürt hat. Du siehst die Vergangenheit klarer … UND die Zukunft. Diese bewusste Auseinandersetzung, mit dem was gewesen ist, hilft enorm dabei, wirklich seinen Frieden machen zu können. Und die Vergangenheit UND die erträumte Zukunft eines Tages wirklich loslassen zu können. Von der tatsächlichen Entscheidung Abschied zu nehmen bis zu diesem Moment hin vergeht Zeit. Eine ganze Weile Zeit. Es ist ein Trauerprozess. Aber in Zeiten der Trauer ist man auch auf besondere Art gehalten und beschützt. Ein wenig entrückt der Zeit, entrückt den Dingen, die einem wichtig schienen.
    Der Abschied vom Kinderwunsch wirbelt wirklich ALLES durcheinander. Was "zu leicht" ist, fliegt davon. Es ist einfach auch eine Zeit der großen Lebensinventur.
    Und diese Chance sollte man auf jeden Fall aktiv und sehr bewusst nutzen. Nicht drüber wegpowern, nicht weglaufen, nichts verleugnen auf längere Sicht.
    In dem Moment dann, in dem Du dann wirklich und endgültig loslässt, da tust Du es freiwillig. Und leicht. Und dann….bist Du auch frei. Wieder frei für Dein Leben – mit allem, was es noch in seiner Wundertüte für Dich bereit hält 🙂

    Ich wünsche Euch alles erdenklich Gute für Euren weiteren Weg und würde mich freuen, Dich irgendwann hier wieder zu lesen.

    Alles Liebe
    Isa

  4. … auch ich bin eine stille Leserin, die sich nach dem Lesen dieses Beitrags unbedingt melden möchte. Danke!!! Du sprichst mir aus dem Herzen. Es tut so gut, Deine Worte zu lesen und dadurch eigene Empfindungen (bisher kaum ausgesprochen, geschweige denn gezeigt), die in mir leben und drücken, ein bißchen herauslassen zu können (die Tränen laufen – Wut, Traurigkeit, Verzweiflung, Verzagtheit, das Gefühl des Alleingelassenseins… wer, mit Kinderwunsch, kennt sie nicht?). Das schafft ein wenig Klarheit und Ordnung. Für den Moment.
    Und dafür danke ich Dir/Euch, für Euren Mut, auszusprechen, anzupacken, aufzuzeigen, was tabuisiert, stigmatisiert wird!
    Klasse finde ich den letzten Abschnitt!!
    Ich selbst spüre, daß ich an einem Punkt angekommen bin, an dem ich ganz langsam den Gedanken an ein Leben ohne Kinder hereinlasse, verdammt schmerzhaft. Aber ich habe alles gegeben, was ich geben kann, so fühlt es sich an. Stimmt das auch? Das frage ich mich immer und immer wieder. Denn wir, mein Mann und ich, haben nicht alle heutzutage "machbaren" Möglichkeiten ausgeschöpft (aber irgendwann gewiß unsere ganz persönlichen), haben bisher keinen Schritt in Richtung Reproduktionsmedizin getan, auch nach mittlerweile 10 Jahren Kinderwunsch nicht. Ich denke, das werden wir auch nicht mehr tun. Genau dort scheint unsere ganz persönliche Grenze zu sein. So werden wir wahrscheinlich mit dem Gefühl leben müssen, nicht alles versucht zu haben. Und doch wissen wir schon jetzt im Innersten, daß wir genau das auf unsere Weise und sehr intensiv getan haben. Wie Du schreibst, liebe Isa, "aus der Ungewißheit heraus, eine eigenverantwortliche Entscheidung zu treffen". Ich stelle es mir von meinem heutigen Standpunkt aus als eine unglaubliche Herausforderung vor, dann, wenn es definitiv "vorbei" ist, nicht daran zu zerbrechen, sondern noch genauso dazu zu stehen. Vor sich selbst. Die Sehnsucht nach unserem Kind wird nämlich bleiben. That's life.
    Also: gerne weiter so 🙂
    Habt es gut auf Eurem Weg.
    Ganz liebe Grüße, Juju

    1. … sorry, habe Dich falsch zitiert und dabei ein zusätzliches Komma eingebaut, es muß natürlich heißen: "… aus der Ungewißheit heraus eine eigenverantwortliche Entscheidung treffen zu müssen."! Sonst ist der Sinn ein anderer 😉

  5. Ich bin eine nur Stille Mitleserin , aber heute muss ich mal Danke sagen für einen so gelungenen Beitrag !! Ich verfolge Euren Blog schon länger obwohl ich mich oder gerade weil ich mich mitten in der KIWU Behandlung befinde … Und ja ich spreche nicht offen drüber nicht mit Freunden und auch nicht mit meiner Famile … ist das nicht traurig … !! Beim lesen deines Beitrages musste ich mit mal wieder einige Tränen verdrücken … Weil e stimmt was Du da schreibst . Und das ist toll und grausam zu gleich !!
    Ach und da wäre noch was in Hinblick auf Grausamkeiten … Es ist Ostern in welche grausame Frage stellt uns die Werbung …?? Was wäre Ostern ohne Kinder ? Tja …
    Vielen Dank für Euren tollen Blog , Kati

    1. Hallo liebe Kati,
      ich freue mich, dass Du Dich gemeldet hast und danke Dir für das schöne Kompliment.
      Ich wünsche Dir, dass Du über die große online community noch viele Weggefährtinnen triffst, mit denen du dich austauschen kannst. Man muss einfach manchmal reden, oder wenigstens sich alles mal von der Seele scheiben, denke ich, oder ?
      Ich freue mich jedenfalls, wieder von Dir zu lesen !
      Ganz liebe Grüße und ein schönes Osterfest (ohne blöde Werbung!)
      Isa

    1. Wüüünschi, (((mein Hase)))…..nur für Dich….*schieb rüber* —-> die Armani-Taschentuchbox. Du darfst sie auch mitnehmen 😉 Ist ein Geschenk von Belle und mir. xoxo, Isa

  6. Liebe Isa,
    puh, da hast Du mir ja eine Menge zum Nachdenken gegeben 🙂 Meiner Meinung nach gibt es kaum etwas Äquivalentes zum unerfüllten Kinderwunsch, denn kein anderer „Zustand“ wird von der Umwelt und von unseren Mitmenschen so derart „abgewatscht“. Bei kaum einer anderen Sache werden wir so alleine gelassen mit unseren Ängsten und Sorgen. Es gibt fast kein Netz und keinen doppelten Boden für uns. Wir können uns glücklich schätzen, wenn wir gute Freunde haben, die uns Halt bieten. Und Du hast recht: Ein Abschied vom Kinderwunsch ist mit einem noch viel stärkeren Tabu belegt und dafür gibt es noch viel, viel weniger Verständnis. Ich bin dankbar für jede einzelne Frau und jeden einzelnen Mann, der in der heutigen Zeit den Mut und die Courage hat, offen mit dem Aspekt der unerfüllten Kinderlosigkeit umzugehen und zu sagen: Hey, schaut her, ich wünsche mir ein Kind und bin verzweifelt. Kann mir bitte jemand helfen? Eigentlich müssten wir alle quer über Deutschland hinweg brüllen, dass wir da sind und dass über unsere Geschichte(n) nicht der Mantel des Schweigens gehüllt werden soll. Da lobe ich mir doch eine Melina Rost, die aufsteht und laut brüllt.
    In anderen Kulturen (z.B. bei den Inuit) werden kinderlose Paare derart unterstützt, dass kinderreiche Familien ihre Kinder an eben diese Paare abgeben. Damit will ich nicht sagen, dass dies auch in Deutschland eingeführt werden sollte (Schindluder lässt grüßen), aber in Bezug auf den Umgang und die emotionale Unterstützung kinderloser Paare müssen wir hier in unseren Breitengraden noch eine Menge lernen.
    Und ich glaube zudem, dass wenn wir mehr Halt und Verständnis in unserer Gesellschaft angeboten bekämen, wir nicht verschämt und still bis zum Geht-nicht-mehr kämpfen würden. Die Möglichkeit zu haben, mit vielen Menschen offen zu sprechen und sich immer wieder zu hinterfragen, würde meiner Meinung nach auch eine Abkehr vom Machbarkeitswahn bewirken.
    Viele liebe Grüße von Maren

    1. Hi Maren 🙂
      das ist ja interessant, was Du über die Inuit schreibst. Hab ich noch nie gehört….in anderen Kulturen geht man mit dem Thema "Kind" häufig anders um. "It needs a village to raise a child" diese afrikanische Weisheit, die ich ganz toll finde, habe ich erst heute wieder gelesen. Ist auch ein anderer Blick auf "Familie, Erziehung, Beziehung" als bei uns…..
      Drück Dich, sehr.
      Isa

    1. Danke schön, Lisa.
      Und Gratulation zu Deiner Klinik 😉 geht doch ! warum ist nicht einfach überall "state of the art"?
      xoxo, Isa

  7. Wow. Ein toller Artikel von dir!
    Ich kenne übrigens tatsächlich eine KiWu-Klinik, die nicht damit hausieren geht, dass die Behandlung auch zum gewünschten Erfolg führt: meine 😉
    Die Vehemenz mit der meine Ärztin uns das eingebläut hat, hat mich zuerst sehr erschrocken. Aber bis heute, bin ich dankbar für diese Aussage! Zudem müssen wir schon vor der ersten Behandlung ein Limit für die Anzahl der Behandlungen festlegen, damit wir nicht in einen Machbarkeits-Wahnsinns-Kreislauf geraten. Meine Frauenärztin bestätigte mir auch, dass man nach Ablauf der vorab definierten Behandlungen

  8. Ich ziehe meinen Hut, danke für diesen wahnsinnig bereichernden Beitrag. Grade heute habe ich Elle Mcpherson bei meinem Mann angesprochen, und meinte nur, "findest du dass muss sein, nach zwei Kindern mit 51 Jahren noch ein Kind mittels eingefrorener Eizellen, IVF und Leihmutter zu bekommen", könnte man sicher auch darüber diskutieren. Mennes Kommentar: "naja ne hot mom ist sie trotzdem", so kann man es auch sehen 🙂 P.s Bei Lebensglückerfüllungsgehilfen musste ich ordentlich grinsen.

  9. Ich lese hier sonst nur still mit.
    Heute möchte ich gerne was sagen: ich danke dir Isa für diesen Beitrag, der es für mich schafft, emotional und persönlich zu sein und gleichzeitig objektiv und sehr klug zu analysieren.
    Ich finde es klingt, als würdest du mit jedem Beitrag mehr in deinem Wonderland ankommen…

    1. vielen lieben Dank für Dein tolles Feedback ! Das mich besonders freut, weil ich wirklich lange überlegt habe, das Posting zu veröffentlichen.

      "ankommen" ist übrigens eine gute Beschreibung. Genau so fühlt es sich auch an. VLG, Isa

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