Der Mandelkern

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geschrieben von Belle

Nein, kein Kuchenrezept hier…oder vielleicht irgendwie doch.

Obwohl ich sehr gern backe und auch finde, dass die Zubereitung von lecker Essen als anerkannte Therapieform gelten sollte, geht es diesmal um etwas anderes.
Das hier ist als Erklärungsmöglichkeit gedacht und als meine zwei Cents mit bisschen Biologie und Geschichte dazu, warum es so verdammt schwer sein kann, sich von einem Wunsch, einer Sehnsucht zu verabschieden, warum die Zeit, die wir mit Wünschen und Hoffen verbringen so lang sein kann und warum es absoluter bull###t ist, sich deswegen Vorwürfe zu machen.

Das Leben im Kaninchenbau hat so einige Vorteile.
Einer davon ist, dass wenn einmal Ruhe eingekehrt ist -und dazu kommt es, ächt gezz ,-) – es viel, viel einfacher wird, die eigene Situation mit Abstand zu betrachten, ohne sie zu bewerten.

Das frenetische Suchen nach Erklärungen hört auf, das Finden von Antworten auf das „warum“ wird unwichtiger und in diesem freien Raum präsentieren sich Aha- Moment dann oft ganz wie von selbst.

Jede von uns cnbc`s weiß, dass unerfüllter Kinderwunsch einen schier unaushaltbaren Druck auf die Psyche und den Körper ausüben kann..bei einigen mehr, bei einigen weniger, aber Federn lassen wir ausnahmslos alle.
Und da stehen wir dann da, mit gerupftem Gefieder, nackig im Wind und fühlen uns noch schutzloser und verwundbarer und einsamer als wir es eh schon sind.
Ich hatte hier darüber geschrieben…über den Schmerz und die Isolation und die Kälte.
Die damit einhergehende große Traurigkeit und die oft nur schwer erklärbare, fast schon existentielle Angst.
Den großen Wunsch dazuzugehören, um nicht allein in der Kälte zu stehen.
Ihr kennt diesen Ort.
Ich kenne diesen Ort.
Und wir wissen….wir können da nicht bleiben.
Das wird uns schaden…uns umbringen….
Also zumindest hat sich das für mich oft so angefühlt….dass dieses Gefühl, dieser Ort etwas ist, was mich vital bedroht.
Und mein Gefühl hatte verdammt wahr.
Richtig wahr.
Und es war echt.
Hätte ich man bloß eher zugehört und in mich geguckt, dann hätte ich mir eine Menge Selbstvorwürfe, Kritik und Gehirnkirmes darüber, warum ich mich so schlecht fühlte ersparen können….aber nun ist es so und besser spät als nie, nä?
Und es hat mir eine wunderbare Begegnung eingebracht, die mit mir selbst, mit einem Teil von mir, den ich lange geleugnet und weggesperrt, ignoriert und ja, geringgeschätzt habe…

Der Mandelkern, den ich meine ist in diesem Fall nicht aus der Themenwelt Obs und Jemöös, sondern der Kern unserer Angst und ist in uns.
Das meine ich wörtlich. Gibt`s `n Organ für.
Ham wer alle.
Guckstu hier!

Fasst Euch alle mal kurz beidseitig  seitlich über die Ohren, ja, genau dort, im Temporallappen sitzt diese kleine bitch …äh, dieses Wunderwerk und sorgt für unser Überleben.
Sehr, sehr basisnah.
Frau Amygdala ist die, die das Steinzeitfrauenprogramm in uns aktiviert….die queen der Überlebensmechanismen oder lasst sie uns hier einfach unsere Schutzmatronin nennen….denn genau das ist sie.
In dieser jeden Menschen inhärenten, nicht sehr großen Organstruktur geht es nur um eins- Überleben.
Und wir reden hier nicht vom Überleben im 2015, no, no girl….Miss A. lebt in der Höhle vor Miiionen von Jahren und zeigt uns vermeintlich ja soo viel weiterentwickelten Tussis mal ganz kurz, wo der Frosch die Locken hat.
Will eine einen Ratschlag?
Legt.Euch.nicht.mit.ihr.an.
Nicht.

Die macht sparring mit Säbelzahntigern, sucht ihr Essen nicht im veganen Biosupermarkt, sie  futtert ihr Mammutkotelett roh, wenn der Alte mal wieder das Ding mit dem Feuer nicht gecheckt hat und wenn ihr die Schnepfe aus der Nachbarhöhle dumm kommt, gibt`s Kasalla. Bis einer heult. Und blutet.Und paaren tut sich mit ihr nur der, der es draufhat. Mr Alpha. Jetzt mal so gesehen.
Kurz…….girlfriend is….raw.
Und sehr pragmatisch.

Bei Gefahr gibt es drei Möglichkeiten.
Sie kämpft….wenn das hilft.
Sie flieht….wenn das hilft.
Sie erstarrt….wenn das hilft.
Sie macht, was nötig ist, wann es nötig ist und was das im Einzelfall ist, entscheidet sie.
Und sie bewertet ihr Tun nicht (oder kritisiert sich selbst dafür im Nachgang, sie ist frei von Vorwürfen und Bedauern, sie ist kein Opfer und keine Täterin), sie hinterfragt nicht, ob das nun gut oder schlecht oder emanzipiert oder angepasst oder dem Zeitgeist entsprechend oder en vogue oder sonstwie irgendwie „richtig“ ist….sie macht es, fertig.
Weil es hilft- in dem Moment oder langfristig.

Wir können jetzt natürlich alle so tun, als hätten wir mit dieser ungekämmten, ungezügelten, unreflektierten Neanderthalerin nichts am Kleid und uns weiter der Illusion hingeben, dass wir  Urzeiten von ihr entfernt sind und uns „weiterentwickelt“ haben und sie keine Rolle mehr in unserem Alltag spielt, aber das ist…nicht ratsam.
Hab`s versucht.
Keine gute Idee.
Denn die Dame ist präsent wie eh und je und besonders in Krisenzeiten hochaktiv.
Und sie weiß nicht, dass unser Stressor nicht mehr besagter Säbelzahntischer ist, sondern die Schlange anne Wursttheke.
Miss A. zieht ihr Ding durch, egal wie oft wir zur Pediküre rennen oder uns die Haare waschen oder uns sonstwie zivilisiert betragen.
„Nachbarin, Euer Fläschchen“ ist nicht ihr Motto…soviel ist mal sicher.
Ich kann mit Fug und Recht behaupten, dass meine aktive Kinderwunschzeit eine Krisenzeit war.
Und Miss A. war in Hochform.
Das sah dann so aus, das ich gekämpft habe….all die Behandlungen  mit all ihren Schmerzen und Narben. Unterstützt von „positivem Denken“ und viel Tschackakacka.
Dass ich geflohen bin…..so schnell und so weit wie möglich, den Gedanke, dass ES nicht klappen könnte wieder und wieder und wieder verdrängt habe, ihn gedeckelt habe, nicht zugelassen habe, mich so weit wie möglich von ihm ferngehalten habe.
Dass ich erstarrt bin…..wie das Kaninchen vor der Schlange…vollkommen gelähmt, bewegungslos. Atmen- was ist das?
All diese coping-Mechanismen liefen manchmal sogar parallel zueinander ab, nicht abgrenzbar, es war….anstrengend, also zumindest so anstrengend wie ich mir die Interaktion mit einem sehr hungrigen Raubtier anno Piepenbrink vorstelle.

Ich hatte mich vollkommen verausgabt, bevor ich auf die Idee kam, mich mal näher mit meiner Schutzpatronin zu befassen, denn sie hat mir ja eine  gewaltige Angst eingejagt.
Also habe ich mir eines Tages ein paar frische Hirschlendchen eingepackt, unterwegs noch ein paar Beeren und Wurzeln gesammelt, die Louboutins gegen waldtaugliches Schuhwerk ausgetauscht und mich auf den Weg zu ihr gemacht…mit Buxe voll, kalten Füßen und totem Herzen. Leeren Armen sowieso.
Ehrlich….ich habe gedacht, jetzt bringt sie mich um.
Statt dessen erwartete mich ein warmes Fell, ein Feuer und so viel Weisheit, dass es mir die Tränen in die Augen trieb vor Scham, sie so lange gedisst zu haben, aber auch vor Erleichterung.
Hab`mich hingesetzt und sie reden lassen und ihr zugehört, als sie mir den Weg durch mein Inneres erklärte.
Hab`ihren besten Flokati vollgeheult, während sie mich in die Arme nahm und einfach nur verstand. Und durch ihr Verständnis für mich Verständnis in mir für mich hervorzauberte.

Sie mich mitnahm in ihre Welt, in der eben die Gruppe alles ist und der Ausschluss den Tod bedeutet.
Sie mir erklärte, dass ich mich durch meine Kinderlosigkeit ausgeschlossen fühlte und dass es nur natürlich sei, dass ich deswegen alles mir mögliche tat, um zur Gruppe zu gehören.

Sie mir erklärte, das wir Menschen die Isolation, wohlwissend um deren Macht, schon immer als Instrument der Folter und Qual benutzt haben und dies bis heute tun.
Und dies sowohl anderen antun, als auch uns selbst.

All das, während sie seelenruhig das Essen für uns zubereitete und das Feuer etwas mehr schürte, damit mir warm wurde.
Hier stand ich nun, vor dem Aspekt von mir, der immer nur im Sinn hattte, mich zu beschützen und zu nähren und mir mein Überleben zu sichern…und war auf einmal seh bescheiden.
Sehr, sehr bescheiden.
So, so lange hatte ich sie als „einfach“ und „dumm“ und „nicht rational“ und „sinnlos“ abgetan und in der Begegnung ihr lag letztlich meine Kraft und tiefes Verstehen.
Darin, sie wahrzunehmen, sie zu sehen und sie wertzuschätzen, für das, was sie tut, sie als das anzusehen, was sie ist, nämlich eben als Verbündete und Schutzmatronin, lag der andere Teil meines Frieden und meiner Sicherheit.
Sie lehrte mich echte, tiefe Vergebung*…zuallerst Vergebung* mir selbst gegenüber.
Wichtig, weil nur, wenn ich mir selbst vergeben* habe, kann ich anderen vergeben und das Schuld/ Unschuld-und Opfer/Täter- Spiel hat ein für allemal ein Ende.

*Vergebung definiere ich für mich durchgehend als -um Deepak Chopra zu zitieren- „being free from the burden of judgement“ oder -um Iyjanla Vanzant und Oprah Winfrey zu zitieren- „giving up the hope that the past could have been any different“.

Durch das Erkennen, ohne etwas ändern zu wollen (will sagen, ich hatte nicht diesen zwingenden Impuls etwas mit mir sei nicht ok und bedürfe der Reparatur/ des Persönlichkeitstunings/ der spirituellen Weiterentwicklung Richtung Nirwana/ Paradies/ ewige Glückseligkeit), floss auf einmal wieder so viel Energie in mich ausgebranntes gerupftes Huhn, dass mir neue Federn wuchsen und sich nicht mehr die Frage nach dem Überleben stellte, sondern vielmehr die, wie ich mein Leben gestalten wollte.
Zu wissen, dass sie auf dem Grunde meines Wesens wohnt und was ihr Antrieb ist, ihr Wirken zu schätzen und so, so dankbar dafür zu sein, gib mir Sicherheit.
Denn selbst wenn ich mich mal wieder verrenne, um drei Ecken denke und mich und mein Tun dauerhinterfrage (was an sich nicht falsch ist, aber auch….ausufern kann), dann kann ich sehr, sehr sicher sein, dass sie über mich wacht. Oft mit mehr als erstaunlichen Endergebnissen und ganz anders als ich mir das gedanklich vorher zurechtgelegt habe.
Dass sie aus dreizehn Einzelkernen besteht, wie die dreizehn Feen aus dem Märchen muss ich jetzt nicht extra erwähnen; oder ;-)?

8 Gedanken zu „Der Mandelkern

  1. Liebe Wünschi,

    das ist ein Wunsch, den Du Dir in echt erfülen kannst…..auch wenn es sich im Moment vielleicht noch seltsam anfühlt….take your time, Darling <3.
    You can`t hurry love…..da hatte die Frau Ross mit ihren Supremes schon wahr…..
    Aber es ist ganz natürlich, irgendwann dahin zu kommen.
    Atmen, die Waffen niederlegen und die geballten Fäuste öffnen….
    Breaaathe……
    Ich danke Dir, querida!!

    xoxo and hugs,

    Belle

  2. Liebe Belle – dich zu lesen, dabei ein bisschen zu weinen, mit dem Kopf zu nicken, vielleicht mal komisch kucken, (Nase putzen), zu denken: wow wie recht sie hat, oder einfach nur: das will ich auhuuuuuch, zu wissen, dass du immer wieder die richtigen Worte für uns findest, zu wissen, dass ich hier auf dieser Seite Halt machen kann, so viel Lesestoff und gute Worte bekomme wie ich brauche – das alles bedeutet mir unglaublich viel.
    Und wieder mal kann ich einfach nur DANKE sagen. ♥

    Kuss und Umarmung

  3. Liebe Belle,

    du bist eine phantastische Frau und für mich ein wunderbarer Kompass. Du zeigst durch dein Beispiel, dass aus uns gerupften, vor Kälte zitternden ex-aktiven Kinderwunschfrauen etwas oder jemand werden kann, das/der unsere kühnsten Erwartungen übertrifft: Wir selbst!
    Die beste Version von uns, wenn wir die Chance annehmen, die sich uns bietet, durch den Umstand, dass wir uns selbst wieder finden müssen.

    Ich sehe das mittlerweile als großes Geschenk – denn ich bin mir sicher, dass ich mich niiieeee in die Höhle zu Miss A. gewagt hätte, wenn ich Mutter geworden wäre. Denn dann wäre ich wohl den anderen Lemmingen gefolgt … (Bitte: nicht falsch verstehen, ich möchte hier keine Mama in irgendeiner Form angreifen – ich wäre sicher freudig dem vorgegebenen Pfad gefolgt, aber ganz ehrlich: ich glaube nicht, dass Frauen, für die Kinder zu bekommen, kein Problem ist, sich so intensiv mit ihren Motiven zum Thema "warum will ich ein Kind" auseinandersetzen. Exkurs Ende)

    Ich kann nicht müde werden, zu betonen, welch große Hilfe du und Isa für mich seid.

    Auch ich habe Miss A. in der Kinderwunschzeit oft und häufig die Kontrolle überlassen und sie dabei oft gehasst. Weil ich mich immer dann besonders hilflos fühlte – mittlerweile habe ich verstanden, dass das sein musste; weil sie so viel besser wusste, was zu tun ist. Sie hat immer den endgültigen Zusammenbruch verhindert – und mich so vor dem Kinderwunschsägelzahntiger beschützt.

    Nach dem Besuch in der Höhle idt mir genau das geschehen, was du beschreibst: durch mich fließt seitdem so eine Energie, so eine Stärke und Kraft, dass es eine Freude ist, ICH zu sein. Ich kann mich selbst wieder annehmen – das hatte ich mir früher so hart erarbeitet und es ging mir im Kinderwunsch verloren.

    Danke für diesen großartigen Text,

    Fi

    1. Liebe Fi,

      danke, Schatz!!

      Ich bin mir mittlerweile ziemlich sicher, dass diese Kraft, die uns da dann auf einmal zufließt wirklich aus der Vergebung heraus kommt und aus der unabänderlichen, an keine Forderungen stellenden Liebe zu uns selbst.
      Und ich freue mich von Herzen, dass Du Deinen Zugang dazu gefunden hast, nach alldem.
      Dies Freude, ICH zu sein…..ja, genau das meine Ich.
      Unbezahlbar.
      Ewig.
      Und das beste ist…an diesen Ort kann man jederzeit zurückkehren, wenn`s da draußen mal wieder ruppig wird…immer nur eine Erinnerung und einen Atemzug entfernt ist er…. <3

      xoxo, Belle

  4. Liebe Kristina,

    Danke, auch noch einmal an dieser Stelle!
    :-)!
    Da bin ich noch dran, das zur Gewohnheit werden zu lassen, den regelmäßigen Besuch in ihrer Höhle…weil`s gut ist.

    xoxo, Belle

  5. Liebe Belle,

    auch ich habe Tränen in den Augen und bin sehr bewegt. Meine Miss A. fühlt sich gesehen und ich werde mich jetzt mal zu ihr ans Feuer setzen, mich auf ihren Flokati kuscheln und sie und damit mich neu kennenlernen.

    Danke und alle(s) Liebe für Dich!
    HERZlichst,
    Kristina

  6. Jedes einzelne Wort berührt mich zutiefst. In meiner Seele. In meinem Herzen. Treibt mir die Tränen in die Augen.

    Es fühlt sich grade an, als hättest du diesen Text für mich geschrieben. Ganz genau so. Darin steckt so viel… von allem Positiven.

    Liebe Belle, DANKE!! Wieder einmal ein dickes, fettes DANKE <3

    1. Liebe JB,

      so, so gerne!!!
      Ich hab`beim Schreiben auch Taschentücher gebraucht…einfach, weil es so erleichternd war, das mal auszudrücken.
      Wir sind so darauf getrimmt, zivilisiert und "richtig" zu reagieren, dass wir uns imho oft von unseren Instinkten abschneiden und ihnen jedwede Daseinsberechtigung verweigern…und dann suchen sie sich ihren Weg auf andere Weise.
      Von ihr zu lernen, dass jeder Aspekt von mir seinen Platz hat und der Liebe wert ist….war wichtig.

      In diesem Sinne….willste Stück Hirschlendchen mit Preiselbeeren, Teuerste ;-)?

      xoxo, Belle

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