Wie mein Herz zerbrach – Interview mit Claudia Münster

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Ihr Lieben,

na, seid Ihr noch da? 🙂

Heute habe ich etwas Besonderes für Euch.

Denn heute darf ich Euch Claudia Münster vorstellen.
Claudia arbeitet wie ich u.a. als Coach und wir haben uns in einer Facebook-Gruppe für Unternehmerinnen kennen gelernt.
Sie schreibt einen wirklich tollen Blog – und vor einiger Zeit bin ich an einem ihrer Blogposts besonders kleben geblieben.

Wie mein Herz zerbrach, ich scheinbar zum Hypochonder wurde und was Du daraus lernen kannst

Da war sofort der Gedanke, dass ich den gerne mit Euch teilen möchte!
Und noch viel schöner ist es doch, wenn die Autorin selber uns ein wenig mehr erzählt. Über sich, über ihre Erfahrungen und diesen Post. Auf diese Weise ist das wunderbare Interview hier entstanden.

Liebe Claudia, vielen Dank für Deine Zeit, Deine Gedanken und Deine Offenheit.
Ein Geschenk, das ich heute an meine Wonderland-Mädels weiter reichen darf!

***

1. Wer bist Du und was tust Du?

Zu 1): Ich bin Bloggerin, Impulsgeberin, Autorin, dich-liebevoll-in-den-Hintern-tretende Mentorin, glücklich-Macherin, offline-Unternehmerin, online dream-up Entrepeneurin, Trainerin und Coach.

2. Warum schreibst Du/bloggst Du?

Zu 2) Die Dinge, die ich tue, wollen aus mir raus. Wollen in die Welt. Ich möchte berühren und inspirieren und Menschen dabei unterstützen, das Beste aus sich zu holen. Ganz vieles hat lange in mir  geschlummert. Auch aus diesem Grund startete ich gemeinsam mit meinem Mann Anfang 2015 eine Coachingausbildung. Doch dann veränderte sich mein Leben komplett durch ein Ereignis von außen. Im Januar  2015  platzte meinem  Mann absolut unerwartet ein Aneurysma im Gehirn. Die Wahrscheinlichkeit, dass er überleben und wieder gesund werden würde, war ziemlich gering. Und er hat es geschafft. Aber es war ein schwerer Weg.
Durch diese extreme Erfahrung ist bei mir vieles in Gang gesetzt worden. Ich hatte die Wahl: Ich könnte bei der Trauer, dem Schmerz und der Verzweiflung bleiben oder aber die verdammte Chance nutzen und das, was ich kann und was in mir schlummert in die Welt bringen. Es war nicht so spontan wie es sich anhört, sondern ein Prozess. Über mehrere Wochen habe ich mich ganz intensiv damit beschäftigt, warum ich auf dieser Welt bin.
Ich habe versucht mich von dem Schmerz zu lösen. Hab versucht mich nicht zu fragen:  „Warum ich? Warum wir? Warum wieder Krankheit? Warum wieder Schmerz?“ Ich wollte dieser unglaubliche Chance erkennen und ergreifen.  Denn ich wusste, dass der Schmerz und die Trauer und die Verzweiflung mein Feind sind und nicht mein Freund. Und nach vielen Tränen und verzweifelten Momenten, habe ich entschieden: Ich will das Glück. Ich will das Leben und ich schaffe das. Ich mache dafür alles, was dafür notwendig ist.

 

3. Du schreibst tolle und inspirierende Blogartikel, die mich oft berühren, weil Du auch immer wieder in Deine eigenen Erfahrungen Einblick gewährst.
Deinen Artikel „Wie mein Herz zerbrach, ich scheinbar zum Hypochonder wurde und was Du daraus lernen kannst….“ wollte ich unbedingt mit meinen Leserinnen teilen.

Kannst Du ihn vorab kurz entspoilern und erzählen, warum es Dir wichtig war, diese Erfahrung zu teilen?

Zu 3) Mein Herz-Happening hat mich einiges gelehrt. Und das wollte ich weitergeben. Denn ich weiß, dass es anderen Menschen auch so geht. Nur allzu leicht vergessen wir, für uns zu sorgen. Für unsere Seele und für unseren Körper.
Die Erkenntnis, das ich limitiert bin, hat mich aus der Bahn geworfen. Ich bin  stark und ich kann alles schaffen. Das war mein Setting zu diesem Zeitpunkt. Nachdem mehr als ein Jahr des Schmerzes, der Sorgen und unendlichen Hürden hinter uns lagen, hätte eigentlich alles gut sein müssen. Müssten wir nicht nur euphorisch und dankbar sein?  Ja. Waren wir aber nicht oder nicht immer.
Schicksalsschläge wie Krankheiten oder Todesfälle  sind extreme Herausforderungen für ein Paar und eine Familie.  Und dann ist da der Moment, wo du eigentlich schon alles geschafft hast. Und dann, ganz leise erst und dann immer pochender, steht der Schmerz, den diese Erfahrung bedeutet,  vor der Tür und will verdammt noch mal gehört werden. So war es mit meinen Herzen. Es schien alles überstanden zu sein.
Ich erkannte nicht, dass die „Nachbehandlung“ wichtig ist. Die Pflege der Seele. Ich habe nicht auf die Signale gehört. Das alles begriff ich, als ich erfuhr, dass mein Herz ganz wunderbar und gesund ist.
Und ich möchte anderen Menschen einen Impuls geben und zu schauen, wie es ihnen geht. Genau hinzuhören auf die leisen Signale. Dieses Mich-Öffnen ist mir nicht leicht gefallen. Aber nachdem ich es getan hatte, war es eine gro0e Erleichterung. Und ich habe von vielen Menschen das Feedback bekommen, dass sie ähnliche Situationen erlebt haben und wie schön es für sie ist, zu wissen, dass sie damit  nicht allein sind.

 

 

4. Du stellst eine wie ich finde sehr interessante Frage in diesem Artikel: Ist da ein Schmerz oder leidest Du bereits?
Warum ist es so wichtig, da genau hinzusehen? Und wo verläuft für Dich die Grenze?
Welchen Rat kannst Du anderen geben, diese Grenze auch wahrzunehmen?

4.) Zwischen Schmerz und Leid verläuft eine unsichbare, sehr gefährliche  Grenze. Denn der Schmerz ist eigentlich ein guter  Freund. Schmerz ist ein Ur-Instinkt. Alt wie die Menschheit. Schmerz sorgt dafür, dass wir Wunden versorgen, bei vor Kälte schmerzenden Gliedern  versuchen einen warmen Unterschlupf zu finden. Ohne Schmerz wäre die Menschheit ausgestorben.
Der Unterschied zwischen Schmerz und Leiden ist,  dass der Schmerz dich warnt, er schützt dich. „Hey, du verrückte Nudel, merkst du nicht,  dass du in eine Scherbe getreten bist?“ Wenn du Schmerz spürst, weißt du Bescheid. Der Autopilot wird eingeschaltet.
Manchmal ist der Schmerz aber zu groß. Er will nicht aufhören und du spürst ihn jeden Morgen und jeden Abend.  Er gehört zu uns. Und wir beginnen am Schmerz festzuhalten. Wir können ihn nicht loslassen, er ist so vertraut. Manchmal können wir auch nicht loslassen, weil wir die Freude der anderen so sehr hassen. „Wie kann sich irgendwer freuen, wenn dieses Unglück geschehen ist?“.
Und dann kommt dieser Punkt, wo du dich so allein fühlst. Fast als hättest du den Schnerz exklusiv gebucht. Er gehört zu dir. Ist Teil deiner selbst.  Intellektuell weißt du schon, dass andere Menschen den selben Schmerz, das gleiche Schicksal bereits erlitten haben. Schmerz ist  universell.  Das ist es, was das Menschsein ausmacht. Aber du bist noch nicht so weit. Weil es zu weh tut. Es nimmt dir den Atem. Es nimmt dir die Freude. Und du bleibst bei dem Schmerz. Weil der Schmerz dich besser versteht, als der Rest der Welt. Und das ist der Moment, wo du das Leiden in dein Leben lässt. Du weißt nicht mehr wie es ohne Schmerz und ohne Leid ist. Diese Gefühle sind dir vertraut. Der Rest der Welt ist dir fremd. Und dann sagst  du ja zum  Leiden.

Diese Grenze ist tückisch. Und  deshalb musst du sehr genau aufpassen, an welcher Stelle du stehst.

 

 

5. Eine andere spannende Frage, die Du stellst ist die nach dem Schattenleben. Magst Du das kurz erklären, was es damit auf sich hat?

Zu 5) Das Schattenleben ist eine Metapher, die sehr schön beschreibt, was ich meine. Ganz oft ist es so, dass du in dem Bestreben zu Funktionieren, den Erwartungen anderer zu entsprechen oder auch in deiner Angst, dich schwierigen Situationen zu stellen, ein Leben lebst, das nicht zu 100% deines ist. Du lebst im Schatten von Konventionen, Erwartungen oder deinen eigenen Lebenskonstruktionen. Du lebst  im Schatten, um dich verstecken zu können.

 

6. Du unterstützt andere Menschen ja unter anderem in Entscheidungsfindungsprozessen.

Für viele meiner Leserinnen stellt sich die Frage, wie lange sie noch versuchen sollen, Mutter eines lebenden Kindes zu werden.
Viele haben einen jahrelangen Weg hinter sich. Viele auch medizinisch assistierte Versuche. Manche auch Fehlgeburten. Manche sogar mehrere.
Was viele teilen ist ein Gefühl der Ohnmacht, wenn sie entscheiden sollen, loszulassen.Einen so tief verwurzelten Wunsch aufzugeben und damit endgültig eine Türe zu schließen kann einen völlig überfordern. Denn immer bleibt die Ungewissheit, ob nicht der nächste Versuch hätte erfolgreich sein können. Eal wie unwahrscheinlich dies geworden ist. Dagegen stehen schwindende psychische, physische und finanzielle Ressourcen. Und der Machbarkeitswahn einer Leistungsgesellschaft, die ihre Prinzipien längst auf auch diesen Lebensbereich übertragen hat. Und dann muss man als Paar ja auch noch zu einer gemeinsamen Entscheidung kommen.
Was kannst Du Betroffenen raten, wenn es unausweichlich geworden ist, sich dieser Entscheidungssituation zu stellen – und statt einer Auseinandersetzung nur noch Überforderung und Lähmung gespürt wird?

Was sind dann die konkreten ersten und die nächsten Schritte für Dich?
Zu 6) Einem Menschen, einer Frau, dessen Kinderwunsch, sich nicht erfüllt, möchte ich keine Rat geben. Ein Rat wäre eine Ohrfeige. Ich kann nur sagen,d ass ich für mich dahin gehe, wo mein Schmerz ist. Jeder von uns hat einen Schmerz. Einen Schmerz, der größer ist als das, was wir ertragen können. Einen Schmerz, der uns durchdringt. In jeder Pore, in jedem Gedanken ist nur dieser Schmerz. Was mir in meinem Leben immer wieder geholfen hat, ist  das tiefe Bewusstsein, dass Schmerz das Gefühl ist, das uns alle eint.
Ich habe mich im tiefsten Schmerz um Demut bemüht. Habe versucht zu erkennen, dass der  Schmerz universell, aber nicht exklusiv ist. Zu akzeptieren, dass ich nicht weiß wie groß dein Schmerz ist und zu akzeptieren, dass er so groß ist wie mein eigener, hat mich schon etwas mit meinem eigenen Leid versöhnt.
Und das ist der einzige Rat, den ich jedem Menschen in Not geben kann: Dein Schmerz ist nicht exklusiv und universell und nicht permanent. Versuch einfach den nächsten Atemzug zu tun und dann  den nächsten. Und dann verbringe einen Abend  mit Freunden und lache, über nichts Besonderes, einfach weil ihr zusammen seid.
Und atme weiter. Und morgen machst du genau so weiter. Und übermorgen. Und dieses Dranbeiben hilft dir. Jeden Tag ein bißchen mehr.

 

7. Wenn sich ein großer Lebenstraum nicht erfüllt und dieser verabschiedet werden muss, dann muss nach einer Trauerphase auch eine Neuorientierung geligen.

Was kannst Du jemandem raten, der das Gefühl hat, keine neuen/anderen Lebens-Visionen mehr entwickeln zu können?

Welche Möglichkeiten da heraus zu kommen siehst Du?

zu 7) Einen Lebenstraum loszulassen, ist ein bisschen wie sterben. Oder wie ein Start ins  Leben.  Ein Lebenstraum bedeutet immer auch eine Fixierung. Ohne jede Bewertung. Aber du bist fokussiert. Du willst etwas so sehr. Du guckst nicht nach rechts und nicht nach links. Es gibt nur das Ziel. Es kann ein Job, eine Beziehung, ein Job oder eine Familienkonstellation sein. Aber was auch immer du suchst, du wirst es nicht außerhalb dir selbst finden. Vielleicht scheinbar und vielleicht für einen Moment. Aber was auch immer du außen suchst, du kannst es nicht halten. Menschen sterben, Menschen verlassen dich, Menschen orientieren sich neu. Freu dich über jeden Menschen mit dem du Spaß hast, den du lieben, den du umsorgen kannst. Aber du mußt versuchen einfach glücklich zu sein, mit dir selbst.

 

 

8. Wenn ich nur eine einzige Sache von Dir lernen dürfte? Welche wäre das?

zu 8) Die eine Sache, die ich dir beibringen kann, ist, glücklich zu  sein. Im Moment zu leben. Was auch immer war und was auch immer kommt, du musst in den Moment gehen. Du hörst die richtige Musik, du bist zusammen mit Menschen, die du magst und du musst das Morgen vergessen. Es mag unwichtig erscheinen. Aber genau das ist es, was ich wirklich gut kann. Ich kann Menschen das Leid vergessen lassen, kann sie lachen und tanzen lassen. Und morgen, morgen ist auch ein Tag. Und dann können wir reden und  die Probleme lösen. Aber heute sind wir ganz nah beieinander und fühlen das Leben. Mein Ansatz ist es, aus der Freude und der Lust auf das Leben heraus Lösungen und Kraft zu finden.

 

9. Hast Du ein Lebens-Motto? Und wenn ja, welches? Und warum?

zu 9) „Emotion is the force of Live“.
Tatsächlich ist für mich mich die Emotion für das, was ich tue der Motor. Ohne geht es nicht. Und genau diese Kraft muss hinter alle stehen, was ich tue.

***

Welche Gefühle und Gedanken hat Claudias Artikel und das Interview mit ihr bei Dir ausgelöst?
Was ist die EINE Sache, die Du hier für Dich mitnimmst?

Erzähle es uns! 

Wie ich Claudia kenne, wird sie ganz sicher hier danach schauen und Dir auch Antworten, wenn Du Fragen hast.Möchtest Du öfter solche Interviews hier lesen?
Das würde mich noch abschließend interessieren!Liebe Grüße und einen zauberhaften Wochenstarte!
xoxo, Isa 😉

12 Gedanken zu „Wie mein Herz zerbrach – Interview mit Claudia Münster

  1. Vielen Dank für deine Worte. Ich befinde mich zwar noch nicht im Wonderland, aber die Wegweiser zeigen in diese Richtung. Ja, manchmal ist das Leben hart. Seit unserer Diagnose ist alles anders, aber diese – meine erste richtige – Lebenskrise hat mir auch gezeigt, was das Leben bedeutet. Ich falle zwar immer wieder in die Trauer zurück, bin aber überrascht, welche Selbstheilungskräfte die Seele besitzt. Ich habe mich besser kennengelernt, weiß was mir wichtig ist, weiß was ich für einen tollen Partner und was für eine tolle Familie wir haben!!

    Einen Rat, den uns mein Vater gab, nachdem wir meinen Eltern von der Diagnose erzählt haben: Die Natur unterscheidet nicht zwischen Gut und Böse. Dieser Rat hat mich beruhigt, die Sache ins Verhältnis gesetzt… ja es mag schwer zu verstehen sein, aber die Natur hat kein Mitleid und diese Erkenntnis hat mich schon so viel weiter gebracht. Sie hilft mir durch die schweren Tage.

    Ich wünsche euch allen ein erfülltes Leben voller Liebe, Respekt und Dankbarkeit!

    1. Liebe Blitzi,

      danke für dein Feedback.

      Ich finde es absolut faszinierend, was du da beschreibst. Genau darum geht es. Obwohl etwas so Schlimmes, Elementares und Trauriges passiert, bist du daran gewachsen, denn du hast reflektiert, nachgedacht und gesehen, was du hast. Du hast nicht nur ausschließlich dahin geguckt, was du nicht hast.

      Ich wünsche dir, dass du weiterhin so dankbar an das Leben bist.

      Liebe Grüße

      Claudia

  2. Tolles Interview – das ich jetzt erst mal sacken lassen muss.
    Gerade die Gedanken zum Thema Schmerz sind wertvoll.
    Jede und jeder stellt das eigene Leid und den eigenen Schmerz in den Mittelpunkt.
    Es gibt zu Papst Johannes XXIII eine Anekdote in der der gerade neu gewählte Papst aufgrund des neuen Amtes nachts nicht mehr schlafen kann. Sie endet mit dem Satz: Nimm Dich nicht so wichtig!
    Das ist nicht abwertend gemeint, sondern vielmehr eine Aufforderung auch die anderen Menschen zu sehen und zu erkennen, dass vieles relational ist und in Beziehung steht.

    Das gilt gerade auch für den Kinderwunsch und den Umgang mit seiner Nichterfüllung.

    …viel mir gerade so ein! 🙂

    Danke für das Interview und

    herzliche Grüße
    Silke

    Dabei ist das nicht abwertend gemeint, sondern vielmehr

    1. Liebe Silke,

      super deine Anmerkung, auch die anderen zu sehen. Schmerz hat eine Exklusivität, macht uns einsam und bringt uns das Gefühl vom Schicksal gebeutelt zu sein. Und genau dann hilft es, den anderen zu sehen. Zu erkennen, das Schmerz universell ist und uns alle miteinander verbindet. Macht deinen aktuellen Schmerz zwar nicht kleiner. Aber du vergeudest keine Kraft für das „Warum ich?“.

      Danke für dein Lob. Das ist für mich wirklich der größte Lohn, wenn ich erfahre, dass meine Worte etwas bewegt und Menschen erreicht haben.

      Ganz liebe Grüße

      Claudia

  3. Liebe Isa, vielen lieben Dank, dass du uns diese Powerfrau vorstellst – wie immer ist dein Blog eine Quelle der Inspiration und Stärke für mich.

    Liebe Claudia,

    ein großartiges Interview, vielen Dank für die Einblicke, Eindrücke und Einsichten, die du mit uns teilst.
    Es hat mich sehr intensiv beschäftigt, was du über die Krankheit deines Mannes und den Umgang damit geschrieben hast und ich musste mich erstmal ein paar Tage „sortieren“, bevor ich dazu schreiben konnte. Vor 10 Jahren und 1 Monat – ich vergesse dieses Datum niemals – wurde beim meinem Papa ein Hirntumor diagnostiziert. Eine Extremsituation, die nicht nur mich, meine Familie, sondern auch unser ganzes Umfeld gefordert hat. Und die Frage nach dem „Warum?“ „Warum diese Krankheit?“ „Warum wir?“ war immerwährend und konnte doch nicht beantwortet werden und hat sich in der ersten Phanse nach seinem Tod noch mehr verstärkt. Es hat unser Familiengefüge bis heute beeinflusst. Und trotzdem hat es mich stärker gemacht und im Rückblick vorbereitet auf einen vielleicht noch größeren Kampf, auf noch größere Verluste. Denn als ich unser Baby verloren habe, wusste ich, ich kann diese Trauer, diese Leere, diesen Schmerz am Ende überstehen – denn ich hatte es schon einmal geschafft. Dies war mein Trost in der dunkelsten Zeit. Und diese Erfahrung hat mich gelehrt, dass ich nicht die Macht habe, alles zu erreichen, was ich mir wünsche, selbst wenn ich alles dafür tue. Ich habe gelernt, zu akzeptieren, dass es Dinge gibt, die ich nicht ändern kann und dass es an mir liegt, dass Leben, dass es abseits davon gibt anzunehmen und dieses Leben zu leben – ohne wenn und aber. Mut zu haben für Veränderungen und Vertrauen in mich selbst. Und einfach mal im Hier-und-Jetzt zu sein. Das klappt nicht jeden Tag, aber ich arbeite daran.

    Ich für mich bin zu der Überzeugung gekommen, dass wir großen Veränderungen, großem Schmerz und den unbeantworteten Fragen nach dem „Warum?“ nur selbst einen Sinn geben können, wenn wir das Potenzial, dass sie uns geben, für uns nutzen.

    So habe ich akzeptiert, dass ich kein leibliches Kind haben werde – es war nicht einfach, aber ich lerne damit zu leben und lebe „mein“ Leben und momentan möchte ich um nichts um der Welt mit irgendjemandem tauschen.

    Ich bin angekommen im Wonderland.

    Liebe Grüße,
    Fi

    1. Liebe Fi,
      puh, da muss ich erst mal tief durchatmen, wenn ich deine Worte lese. Aber genau darum geht es. Aus der Erfahrung des furchtbaren Verlusts deines Vaters, hast du Kraft für eine traumatische und so unendliche traurige Erfahrung in deinem späteren Leben gewonnen. Leben statt Bitterkeit. Wachsen statt Stillstand. Liebe statt Festhalten. Wachsen. Ich bewundere dich. Und wünsche dir im Wunderland Liebe, Freude und Erfüllung.

      Für deine lieben und warmen Worte danke ich dir so sehr. Es berührt mich, dass ich dich erreicht habe.

      Liebe Grüße

      Claudia

  4. Liebe Claudia, liebe Isa,
    tolles Interview. Und JA, Isa, so etwas würde ich gerne weiter bei dir lesen!!
    Ich denke, fast jede/ jeder kennt – nach längerem unerfülltem Kinderwunsch – das Gefühl, ganz allein mit seinem tiefen Schmerz dazu stehen. Man empfindet ein großes Unverständnis in seinem sozialen Umfeld, „wie sollen denn die anderen das verstehen, die haben ja das was man sich so sehr wünscht….“. Und ja, man isoliert sich, man zieht sich zurück, man „leidet“ sehr. Ich habe mich auch manchmal etwas zu sehr „bemitleidet“.
    Diese oben beschriebenen Gefühle haben mich eine bestimmte Zeit (fast 12 Monate) sehr beherrscht. Ich habe sehr, sehr viel darüber nachgedacht. Und irgendwann war ich an dem Punkt sagen zu können, etwas platt ausgedrückt: „Unter jedem Dach ein Ach“. Und das auch zu meinem Herzen vordringen zu lassen. Das befreit. Das macht empfindsam. Das hilft, andere Menschen/ ihre Reaktionen usw. viel besser zu verstehen. Ich kann besser zuhören, ich habe nicht für alles einen Rat – weil, in gewissen Lebenssituationen gibt es keinen, außer: Einfach aushalten und weiter leben (Dein „Atmen“ gefällt mir als Beschreibung auch sehr gut. 🙂 …)
    Das Interview hat mich gerade sehr an meine schlimme Zeit zurück erinnert. Und mir bewusst gemacht, durch welches Tal mein Mann und ich schon gegangen sind. Vielen Dank!
    Die letzten Fragen des Interviews haben mich sehr angesprochen: Das Thema Neuorientierung beschäftigt mich/ uns z.Zt. sehr stark. Ich habe auch Angst, mich auf „äußere“ Dinge einzulassen und damit irgendwann eine ordentliche emotionale Bruchlandung hinzulegen. Vielleicht kannst du hier noch einen Rat geben.
    Alles Gute wünsche ich deinem Mann und dir.
    Bluete83

    1. Blüte, liebe Blüte, du hast einen Namen, der so schöne Assoziationen weckt, das mag ich sehr.
      ich danke dir für deine Worte und Wünsche und dein Mitempfinden. Und der einzige Rat, den ich dir geben kann, ist es „vergiss die mögliche Bruchlandung.“ . Spring in das Leben . Wirklich, ich fühle mich so demütig hier bei euch. Ihr habt so heftige Sachen erlitten. Kinder gewünscht, nicht bekommen und verloren, und wieder verloren und wieder gewünscht. Und ihr verbindet euch und sucht nach dem Vorwärts, sucht nach der Freude. Im Ernst, was soll ich euch sagen und raten? Ihr habt schon alles richtig gemacht. Und nehmt schon den einen richtigen Weg. Und die Quintessenz ist immer und immer wieder für jeden Weg, für jeden Schmerz: Trau dich, lass los und stürz dich immer wieder ins Leben. Es gibt keine Alternative. Und ihr seid hier echte Vorbilder.
      Ganz liebe Grüße und ich freue mich euch über Isa getroffen zu haben

  5. Liebe Isa,

    danke, dass ich dich, deine Seite und deine Frauen kennenlernen durfte. Ich bin so beeindruckt von der community, die du geschaffen hast, um für euch Frauen einen Raum zu bieten mit eurer ganz eigenen Stimme über euren Schmerz zu reden. Mal hochemotional und persönlich und mal rotzfrech und lebenslustig. Du hast es geschafft die genormten Denk-Schubladen über Bord zur werfen und einfach einen Raum nach deinen Vorstellungen zu schaffen. Danke, dass ich deine Fragen beantworten durfte. Es hat super viel Spaß gemacht.

  6. Liebe Eni,

    du lebst im Jetzt, wenn du berührt und dich berühren lässt. Gerade als ich deine Zeilen gelesen habe, war ich so berührt davon, dass du dein Schicksal loslassen und bei mir sein konntest. Und was macht das mit mir? Natürlich bin ich sofort bei dir. Unglaublich, dass du deinen Schmerz für einen Moment leichter (an)nehmen kannst, weil du meinen mitempfindest. Das wirkliche und echte (An)erkennen, dass wir ALLE ganz viele Scherzen auf unserem Weg haben, macht die Dinge einfacher.

    Oh man, im Moment leben ist echt eine Lebensaufgabe. Natürlich dreht das Gedankenkarussell durch. Immer wieder: Was wird sein? Was kann ich erreichen? Im Jetzt zu bleiben kannst du einfach nur immer wieder trainieren. Du wirst besser werden. Da muss jeder so seinen Weg finden oder sich helfen lassen. Bei mir klappt es am besten mit tollen Inspirationen oder mit hemmungslosem Spaß, wie tanzen, singen, tiefe Gespräche oder lachen.

    Und liebe Eni, dein Schmerz darf ruhig einen Raum haben. Und es ist ein großes Ding wie du es nennst. Aber es ist fantastisch, dass du für dich einen Weg gefunden hast, mit der Kinderlosigkeit umzugehen, ohne bitter zu sein.

    Und danke für deine lieben Worte.

    All the best for you

    Claudia

  7. Puhhh, ein sehr mitnehmendes, emotionales Interview! Darüber werde ich noch ein Weilchen nachdenken müssen… Danke, liebe Claudia. Und danke, liebe Isa.

    Ach Claudia, Du bist mit Deinem Mann durch ein aus meiner Sicht wirklich tiefes Tal gegangen – beeindruckend, wie offen Du damit umgehst! Und bewundernswert, wie ihr das angepackt habt. Gerade jetzt in diesem Moment (Du schreibst ja, dass man im Moment leben soll und vor allem auch kann), erscheinen mir meine „Probleme“ so klein. Selbst die Tatsache, dass auch wir kinderlos bleiben werden – obwohl das ja ein großes Ding ist, diesen Schmerz ertragen zu müssen. Sein Leben lang. Ich werde auch oft gefragt, wie ich damit umgehe. Aber hey, es ist genau so, wie Du sagst: ATMEN. Nicht zurückschauen, denn es gibt leider (oder zum Glück?) Dinge auf dieser Welt, die wir nicht steuern können. Diese Erkenntnis habe ich mittlerweile erlangt und fühle mich frei. Denn wir haben vieles und alles getan, um dem Kinderwunsch auf die Sprünge zu helfen. Irgendwann ist auch gut – Mutter Natur denkt sich vielleicht sogar etwas dabei.

    Mich würde wirklich gern interessieren, WIE man im Jetzt lebt! Ich habe arge Probleme damit. Ich kann super die Vergangenheit abhaken, schaue aber immer schon nach vorne und schiele auf morgen. Nicht, dass ich nicht genießen würde – das tue ich sehr wohl! Aber das Gedankenkarussell dreht sich permanent. Das Schattenleben überstrahlt vieles. Job, Job, Job.. und durch die Welt hetzen, von einem Termin zum nächsten. Auch im privaten Bereich: Sport, Freunde, Urlaub.. Das kann doch nicht alles sein? Aber gut, jeder ist ja bekanntlich seines Glückes Schmied..

    Ich danke euch sehr für das Interview und JAAAAA – ich würde sehr gern weitere Interviews lesen! Denn es sind die Menschen, die uns interessieren. Das Miteinander. Denn geteiltes Leid ist halbes Leid. Und geteiltes Glück ist doppeltes Glück!

    Take care und liebe Grüße
    Eni

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