Starke Stimmen. Starke Geschichten #3

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Eine starke Stimme – das ist auch Eni.

Ihr Blogname ist Programm: Unter Thirty Ehrlich erzählt sie mit dem Anspruch „ungeschminkt, offen und ehrlich“ zu sein über die „Dreißiger“ … dieses seltsame Lebensjahrzehnt, wie sie es nennt. Wer den Blog noch nicht kennt, der sollte unbedingt vorbeischauen !

Ungeschminkt, offen und ehrlich – so erlebe auch ich Eni, egal zu welchem Thema ich sie lese. Und genau so hat sie auch unsere Fragen beantwortet. Für uns. Für Euch.
Von Herzen Danke dafür, Eni !

Wer bist Du und wie lebst Du ?

Ich heiße Eni. Ende 30, verheiratet, fröhlich, optimistisch und: kinderlos glücklich. Mit meinem Mann lebe ich in Berlin.

An welchem Punkt Deines Weges stehst Du heute ?

Beruflich bin ich sehr gut verankert in der PR-Branche.
Privat ist alles sehr stabil: 12 Jahre meines Lebens bin ich mit dem Mann zusammen, mit dem ich eine Familie gründen wollte. Der Kinderwunsch bleibt unerfüllt, der Mann bleibt. Mit den gleichen Einstellungen zur „Sache“, zum Leben, wie ich. Das ist großartig und ein Beweis mehr für unser starkes Band, unsere starke Liebe. Trotzdem muss es immer weiter gehen, im positiven Sinne. Ich mag keinen Stillstand und ich mag auch kein Ankommen. Das ewige Suchen und durchs Leben reisen liegen mir mehr.

Es hat jedoch lange gedauert, mich mit diesem, meinem ganz natürlichen Lebensmodell anzufreunden und es dankend anzunehmen. Du siehst also: Es ist alles gut und soll so sein, wie es ist.

 

Wenn Deine gesamte Kinderwunschgeschichte verfilmt werden würde, wer sollte die weibliche Hauptrolle spielen ?

Ich selbst – mit allen Höhen und Tiefen. Denn nur ich weiß und kann beurteilen, wie die Hauptdarstellerin spielen muss.

 

Was hast Du auf Deinem Kinderwunschweg erlebt ?

Puh, eine lange Geschichte. Wahrscheinlich hab ich ähnliches erlebt, wie all die anderen Paare, die sich ein Kind wünsch(t)en und Mutter Natur es aber anders vorgesehen hat. Wobei es bei uns vielleicht nicht ganz soo hart war, wie bei anderen. Um es kurz zu machen: Mit Mitte 30 war ich endlich „soweit“ und konnte mir durchaus ein Kind vorstellen.

Mein Mann hätte gern schon früher „losgelegt“, aber ich wollte noch so vieles machen. Außerdem komme ich aus einer kinderreichen Familie und dachte: „Wenn wir loslegen, werde ich SOFORT schwanger!“ Das wollte ich damals unbedingt vermeiden. Naja, dann mit Mitte 30 versuchten wir es. Es vergingen über zwei Jahre. Ich wurde einfach nicht schwanger. Wir fingen an, uns nach alternativen Methoden zu erkundigen, gingen schließlich in eine KiWu-Klinik und starteten die Behandlung. Erst IVF – was man sich eigentlich sparen kann – und dann mehrere ICSI-Versuche. Zweimal war ich schwanger, beide Male verlor ich die Babys wieder. Einmal hatte ich eine Eileiter-Schwangerschaft, die wir über zwei Monate beobachtet haben – sie verschwand zum Glück ohne OP von allein, irgendwann. Nach Wochen des Wartens und Bangens, dass es nicht schlimmer wird.

Nach der Eileiter-Schwangerschaft probierten wir es ein letztes Mal – ohne Erfolg.

Es soll nicht sein.

 

Wann und warum hast Du Dich dazu entschieden, den Kinderwunschweg zu verlassen ?

Als wir damals anfingen mit der Behandlung hatten wir uns eigentlich gesagt: Nach drei Versuchen hören wir auf. Am Ende haben wir´s dann viermal probiert.

Manche von den Leserinnen werden nun sagen: „Was? Nur vier Versuche? Da geht noch viel mehr.“ Sicher. Aber nicht für uns. Als auch der letzte Versuch scheiterte, fiel ich erst einmal in ein Loch. Wir überlegten natürlich, ob wir doch weiter probieren sollten. Doch bis wohin wollten wir dieses „Spiel“ spielen? Wie weit das Schicksal herausfordern? Nun ist es endgültig. Nie werden wir die kleinen Füßchen unseres Kindes in unserem Haus herumtapsen sehen.

Wir verdauen das immer noch, sind traurig, reden viel. Haben aber unsere Lebenslust nicht
verloren. Im Gegenteil: Wir fühlen uns freier als je zuvor – frei im Kopf, diese Entscheidung getroffen zu haben, dieses Endziel erreicht zu haben. Ich könnte noch viel mehr darüber schreiben. Das dann aber an
anderer Stelle.
 

Wie hast Du den Abschied vom Kinderwunschweg erlebt ? / Wie erlebst Du den Abschied vom Kinderwunschweg ?

Der Abschied ist für uns sehr hart. Dennoch: „Zum Glück“ gehören wir zu den Paaren, die ihren Lebenssinn nicht allein im eigenen Kind sehen. Wir hatten früher schon immer gesagt, dass ein Kind unserer Liebe die Krone aufsetzen würde. Hatten einen starken Kinderwunsch. Aber für uns war auch immer ein Leben ohne Kind vorstellbar. Natürlich sagt sich sowas leichter, wenn man noch am Anfang des Kinderwunsch-Weges steht. Dass wir nun ohne Kind leben MÜSSEN, ist bitter, aber wir haben alles für uns Mögliche getan, können uns nichts vorwerfen und schauen reinen Gewissens in die Zukunft. Wir haben diesen Weg nun verlassen, möchten aber offen und ehrlich damit umgehen, um anderen Paaren zur Seite zu stehen und zu zeigen, dass ein Leben „danach“ durchaus möglich ist.

Interessanterweise beobachten wir an uns, wie wir die Umwelt nun anders wahrnehmen. Wir lernen diese „neue“ Freiheit zu schätzen und sind ehrlicherweise in der einen oder anderen Situation froh, kein Kind und keinen Kacks zu haben, sondern nur für uns verantwortlich durch die Welt zu laufen 😉

 

Worin liegt/lag die besondere Herausforderung beim Abschied vom Kinderwunschweg für Dich/für Euch als Paar?

Sich einzugestehen, dass wir keinerlei Einfluss hatten und haben. Dies war übrigens auch eine harte Erkenntnis während der gesamten Behandlung: Ich konnte einfach nichts dazu beitragen, außer all die dämlichen Hormone zu spritzen, die mich sehr verändert haben in der Zeit (Ihr kennt das sicher: Stimmungsschwankungen, aufgeblähter Bauch, zerstochene Arme vom elenden Blutabnehmen, das ständige zum Arzt-Fahren, das lästige Warten und die unerträgliche Hoffnung). Ich konnte einfach nicht verstehen, warum am Ende nichts bei rumkommt, obwohl wir soo viel investiert hatten! Ich glaube ja an Schicksal und bin mittlerweile der Meinung, dass es gut so ist. Nicht umsonst sind ja auch die Babys abgegangen.

Vielleicht ist uns einiges erspart geblieben, weil sie nicht gesund oder lebensfähig gewesen wären? Ich weiß es nicht und werde es nie erfahren.

 

Was war schwieriger als erwartet ?

Die ganzen Termine in der KiWu-Klinik wahrzunehmen, was immer ein Spagat zwischen Job und Privatleben war. Und wie gesagt die Erkenntnis, nichts tun zu können. Ich fühlte mich die ganze Zeit fremdbestimmt, eingeengt und überhaupt nicht wohl. Und dann diese Spritzen! Ich musster erstmal lernen, damit umzugehen. Mein Mann hatte mich meistens gespritzt, was aber wieder einen logistischen und zeitlichen Aufwand bzw. zusätzliche Organisation bedeutete.

 

Was war leichter als befürchtet ?

Was war leichter, als gedacht? Keine Ahnung… Wir hatten ja keine Erfahrung und somit keine Vorstellungen. Vielleicht die Entnahme der Eizellen. Das war easy und ein schöner, bedröhnter Zustand 😉 Das hatte ich mir
schlimmer vorgestellt.

 

Viele Psychologen empfehlen, nach dem endgültigen Abschied vom
Kinderwunsch zu verhüten, um wirklich auf allen Ebenen damit abschließen zu können
und nicht doch heimlich weiter auf die Hintertüre zu hoffen. Was denkst Du darüber ?

Wir verhüten nicht. Ich habe eh keinen regelmäßigen Zyklus. Und wenn wir doch noch schwanger werden sollten – um so besser! Obwohl: Wir werden ja auch nicht jünger… Eigentlich ist der Zug abgefahren.

 

Was hat Dir besonders geholfen/hilft Dir besonders dabei, die Trauer um ein ungelebtes Leben als Mutter und Deine nie geborenen Kinder zu verarbeiten ?

Vor allem hilft mir, dass mein Mann und ich dieselbe Einstellung zum Kinderwunsch hatten und haben. Dafür bin ich sehr dankbar. Denn an einem unerfüllten Kinderwunsch gehen sehr viele Beziehungen kaputt, was ich durchaus nachvollziehen kann. Die Trauer sitzt einfach zu tief.

Dennoch: Wir sind Sonnenkinder und freuen uns des Lebens – auch ohne Kind. Und dieses wunderbare Leben entschädigt für sehr vieles. Was mir persönlich hilft, ist, dass ich mich nun in alles und auf alles stürzen kann, was ich machen möchte. Ich lebe meinen Egoismus aus, was sich erstmal unsympathisch anhört, aber für mich gesund und absolut ok ist.

 

Wie sehr hat sich Dein Leben nach dem Abschied vom Kinderwunschweg verändert ?

Am meisten Angst hatten wir vor dem Leben „danach“. Wir waren eigentlich davon überzeugt, dass sich unser Leben radikal ändern muss. „Schließlich können wir ja nicht so weitermachen wie zuvor!“ So dachten wir. Wir wälzten Ideen: Sabatical? Ausland? Doch das ist absoluter Bullshit, wie wir relativ schnell festgestellt haben.

Wir sind happy über unser neues, freies Leben. Und wir haben nun – entsprechend unserer Leidenschaften und Hobbies – etwas umgebaut in unserm Haus. Das sonnengelbe, lang leer stehende Kinderzimmer ist nun das Musikstudio meines Mannes und wir haben jetzt ein Lese-Lounge-Zimmer, in dem ich in Ruhe bloggen, lesen und nachdenken kann. Wir haben große Reisepläne, die wir nun einfach so angehen können: Kein Warten mehr, kein Terminieren nach Behandlung mehr.

Ansonsten genießen wir das Leben zu zweit und freuen uns auf die Dinge, die da kommen!

 

Glücklich und frei (by thirty ehrlich)

 

Wie sieht Dein persönliches „The Next Happy“ aus ? Wie nah bist Du ihm schon gekommen ?

siehe Frage davor 

 

Welche Wünsche und Träume hast Du für die Zukunft, die jetzt vor Dir liegt ? 

Ich möchte ganz viel reisen, die Welt entdecken. Und ich würde gern Frauen helfen, die auch ungewollt kinderlos sind. Nicht alle haben das „Glück“, mit dieser Situation relativ stabil umzugehen. Viele sind danach total paralysiert, haben keinen Lebensmut mehr, sehen keinen Sinn mehr. Es wäre schön, Gleichgesinnten zu zeigen, dass es ein Leben nach dem Kinderwunsch gibt. Und dass es möglich ist, auf gewisse Weise loszulassen und den Verlust als etwas zum Leben dazugehöriges empfinden kann.

 

Was möchtest Du Frauen mit auf den Weg geben, die noch nicht so weit sind, wie Du ?
 

Das ist schwierig, weil jeder anders damit umgeht. Ich möchte mir nicht anmaßen, Ratschläge zu geben. Ich kann nur sagen, was uns geholfen hat: Ein realistisches Ziel setzen und sich möglichst daran halten.

Ich habe Frauen kennengelernt, die bereits mehrere ungeborene Babys beerdigen mussten und immer weiter gemacht haben: Sie wollten unbedingt Mutter werden und sind daran zerbrochen.

 

Es gibt wirklich ein Leben ohne Kinder! Versucht es zu entdecken, auch wenn euch die Trauer begleitet.

Sie wird euch ein Leben lang begleiten. Und das soll sie auch.

 
Was sagst Du den Menschen, die ein kinderloses Leben für eigentlich sinnlos und oberflächlich halten?

siehe oben

 

Was sagst Du den Menschen, die CNBC bemitleiden?

Dass es keine Krankheit ist und Mitleid nicht hilft. Es ist tröstend, dass enge Freunde, die Familie, in den schweren Monaten, Jahren da sind – gar keine Frage. Aber irgendwann ist auch mal gut. Irgendwann hat man genug drüber geredet. Es ändert nichts.

 

Wenn Du mit 80 auf Dein Leben zurück blickst: Was wirst Du dann sagen?

Ich werde auf ein erfülltes Leben zurückblicken.

Etwas wehmütig zwar, aber zufrieden. Es wird nichts von uns bleiben – das ist heute schmerzhaft, aber ich bin überzeugt davon, dass es mit 80 in Ordnung ist und wir die nächste Reise antreten können.

 

 

9 Gedanken zu „Starke Stimmen. Starke Geschichten #3

  1. Liebe Eni,

    ein sehr schönes und wichtiges Interview ❤️ Ganz viele Dinge, die du schreibst, kann ich zu 100% genau so unterschreiben.

    Es schwingt so eine positive Grundstimmung bei dir mit – ich freue mich auf mehr von dir!

    LG
    Fi

  2. Liebe Eni, es hat gut getan deine Geschichte zu lesen. Du hast viel durchgemacht und bist trotz allem so positiv und nach vorne blickend, das imponiert mir unheimlich! Viele Grüße von Martha

    1. Ach liebe Martha! Ich habe zwar einiges durchgemacht, aber ich glaube, viele, die sich auf Wonderlands und euren Blogs tummeln (sicherlich auch ihr selbst) habt noch viel mehr mitgemacht. Ich weiß auch nicht, ob sich die eigenen Erfahrungen relativieren und man selbst darüber anders denkt? Wie geht es euch? Roboterhaft "latscht" man da durch und macht seine Erfahrungen. Mal sehen, wie es in zwanzig, dreißig Jahren sein wird, rückblickend. Ich bin sehr gespannt 😉

    1. Das freut mich und ich finde, wir zehren doch alle von unserer Energie. Je positiver wir sind, desto größer wird die weiche Wolke 😉

  3. Liebe Eni,

    vielen Dank, dass Du uns Deine starke Stimme hören lässt….Du hörst Dich in meinen Ohren an wie ein Tag am Meer mit Sonnenschein und Gischt, frischem Wind und dem Duft, den eben nur das Meer hat….
    Danke für`s Teilen Deiner Geschichte und bis ganz bald bei Dir oder hier ;-),

    xoxo, Belle

    1. Danke, liebe Belle!
      Es war ein Schritt, diese Zeilen zu schreiben – denn ich hatte sie immer noch etwas in die Ecke geschoben. Und Wind und Meer und Sonnenschein und Gischt beschreiben das richtig treffend. Es befreit und hilft – ich hoffe, auch anderen damit ein paar positive Windböen entgegen bringen zu können 😉

  4. Vielen, vielen, vielen Dank an Isa und Belle für Euren Blog und diese Reihe und an Dich Eni für dieses Interview. Ich kann gar nicht in Worte fassen wie sehr Ihr alle mir mit Euren Geschichten gerade helft. Simi

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