Starke Stimmen. Starke Geschichten #5

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Das heutige Interview für den Mittwoch der Starken Stimmen. Starken Geschichten hat uns Emma eingeschickt.

Auch Emma ist eine unserer Leserinnen ohne eigenes Blog aber mit einer zweifellos starken, eigenen Geschichte. Ganz sicher ist ihre Geschichte darüber hinaus auch etwas ungewöhnlich. Aber Trauerbewältigung ist – wir haben es oft schon festgestellt – immer auch und vor allem individuell.

Emma selbst war sich zu Beginn sehr unsicher, ob sie ihre Erlebnisse und ihre Gedanken wirklich so offen teilen soll, ob ihre Geschichte hier her „passt“ oder ob sie doch zu außergewöhnlich ist, „zu viel“ vielleicht auch für die eine oder andere Leserin unter Euch. Aber sie hat sich ein Herz gefasst und beschlossen von dem, was sie erlebt hat, zu erzählen. Sie bricht sicher damit gleich mehrere Tabus. Das des meist verschwiegen erlebten Abschieds vom Kinderwunsch und das Tabu „Umgang mit Fehlgeburten“. In der Hoffnung, dass sie Euch allen da draussen damit etwas geben kann, erzählt sie also heute ihre Geschichte hier im Wonderland.

Wir bedanken uns heute damit ganz herzlich bei Dir, Emma!

 

Wer bist und  wie lebst Du ?

Ich bin 30 Jahre alt und lebe mit meinen Mann in unserem kleinen Häuschen ganz oben im Norden. Obwohl ich keine Bloggerin bin, möchte meinen Weg hier dennoch gern erzählen.

 

An welchem Punkt Deines Weges stehst Du heute?

Everything will be okay in the end. If it´s not okay, it´s not the end.

Für mich (und auch für meinen Mann) ist alles okay, somit haben wir das Ende des Weges zum Wunschkind erreicht und haben damit abgeschlossen. Abgeschlossen ist vielleicht das falsche Wort… wir leben damitkeine Kinder zu bekommen. Und es fühlt sich nicht schlecht an

Am Anfang unserer Beziehung haben wir uns geschworen, dass wir uns und unserer Lebenseinstellung immer treu bleiben werden. Damals waren wir auch in einer etwas schwierigeren Situation, haben aber immer gesagt, dass wir über unser Leben entscheiden und sonst niemand.
Und so ist es auch mit dem Ende des Kinderwunschweges. Viele meinen, dass wir noch längst nicht alles ausprobiert haben und es so schade wäre, wenn wir kinderlos bleiben würden. Schließlich gehen wir ja so gut mit Kindern um. Ja ja … diese Sprüche kennt ihr sicherlich alle.
Dass wir aber zwei Jahre für ein Kind gekämpft haben, sich unser Leben nur noch darum drehte und dann drei Kinder verloren haben und nun sagen, dass es reicht, das will keiner hören.

 

Wir haben beschlossen, dass wir nicht ewig für ein nicht existierendes Leben kämpfen können. Wir leben und das ist das was zählt. Nur leider haben wir das einige Zeit lang vergessen. Wir haben uns vergessen. Damit
ist nun aber Schluss. Mit dem dritten Sternenkind war unser Kinderwunschweg zu Ende und nun gehen wir einen neuen, ganz nach unseren Wünschen gerichteten Weg.
Wenn Dein Leben ein Film wäre, welchen Soundtrack hätte Dein aktueller Lebensabschnitt?
Ich bin ja nicht so der Fernsehtyp, kenne kaum Schauspieler und was aktuell im Kino läuft weiß ich erst recht nicht. Aber ich finde dieses Lied hier sehr passend!! https://www.youtube.com/watch?v=OhhegD5Q-Ok
„Steh auf wenn du am Boden bist“ von den Toten Hosen.
Und wenn ein Sturm dich in die Knie zwingt
Halte dein Gesicht einfach gegen den Wind
Egal wie dunkel die Wolken über dir sind
Sie werden irgendwann vorüber ziehen“
Dieses Lied habe ich ständig und immer wieder gehört und fiel mir sofort ein, als ich diese Frage las.
Was hast Du auf Deinem Kinderwunschweg erlebt ?
Bekannte Gefühle habe ich ganz neu erlebt. Noch nie habe ich mich so sehr gefreut, um nichts habe ich je so getrauert und noch nie war ich so stolz auf mich. Es gab so viele Erfahrungen, die im Nachhinein mein Leben sehr bereichert haben. Aber alles der Reihe nach. (Ich hoffe, dass es nicht zu lang wird!)
 
An einem Montagmorgen im März 2014 habe ich das erste Mal in meinem Leben richtige Trauer gespürt. Mein Mann und ich waren zur ganz normalen Ultraschalluntersuchung. Er freute sich riesig, ich wäre am liebsten zu Hause geblieben. Schon da hatte ich ein unbeschreiblich komisches Gefühl.
Der Arzt schaute im Ultraschall und sagte gar nichts. Es war eine erdrückende Stille. „Es tut mir schrecklich leid, aber ich kann keinen Herzschlag mehr finden.“ In mir brach alles zusammen. Es war mir unverständlich.
Wie kann denn mein Kind so plötzlich sterben? Kann man nicht noch irgendetwas tun?
Habe ich im Unterbewusstsein etwas gemerkt und wäre deshalb am liebsten zu Hause geblieben? Wir waren in der 12. Woche.
Vom Arzt mussten wir direkt ins Krankenhaus. Da sollte gleich ein Termin für die Ausschabung gemacht werden. Ich wurde dort vom Chefarzt behandelt. Nie werde ich vergessen, wie wir vor ihm saßen, ich ihm
sagte, dass meine Schwangerschaft nicht mehr intakt sei und er darauf hin fragte:“Und woran will ihr Arzt das festmachen?“ Hätte ich nicht gerade vom Tod meines Kindes erfahren und würde nicht unter Schock stehen, wäre ich aufgestanden und gegangen. Doch leider konnte ich, konnten wir, nur heulend dasitzen. Auch er machte noch einen Ultraschall und bestätigte die Diagnose. Ich bekam für den nächsten Morgen einen Termin zur Ausschabung. „Wir spreißen Ihre Gebärmutter und schaben das Material dann mit einer Art Löffel heraus.“ Noch ein Gespräch beim Anästhesisten und ich durfte gehen.
Am nächsten Morgen war dann die OP. Es dauert wirklich nicht lange. Vier Stunden musste ich im Krankenhaus bleiben (ein Glück durfte mein Mann bei mir sein) und dann wurde ich auch schon wieder nach Hause geschickt. „Es kann noch eine Blutung geben, bitte keine Tampons benutzen und nach 10 Tagen zum Frauenarzt zur Kontrolle.“ Das war´s. Mehr habe ich nicht erfahren.
Wir trauerten und trauerten. Hatten das Gefühl, dass uns wirklich niemand verstehen konnte. Beim Kontrollbesuch habe ich dann erfahren, dass es ein Junge war. Ein Grund für die Fehlgeburt konnte man mir aber nicht sagen.
 
Im Juni, 3 Monate später, sprach mich im Supermarkt eine ferne Bekannte an. Sie sagte: „Ich habe gehört, dass du dein Kind verloren hast. Das tut mir Leid! Hattet ihr die Möglichkeit es zu bestatten?“ Ich war entsetzt. Wie kann man mich so etwas fragen? Und dann noch im Supermarkt. Und eigentlich kennt
sie mich gar nicht. Was soll das? Neugierig hat sie mich dann aber schon gemacht.
Ich habe sofort im Klinikum angerufen und gefragt, wann und wo mein Kind beigesetzt wurde. Die Dame am anderen Ende der Leitung war völlig überrascht und gab mir patzig als Antwort, dass ich das ja selber wissen
müsse. Schließlich habe ich ja dafür unterschrieben, was mit dem Material passiert.
Hallo? Geht’s noch? Material? Wir reden hier von meinem Kind, von meinem Sohn. Und unterschrieben habe ich nur den Bogen für die Vollnarkose sonst nix.
Ja dann müsse sie sich erstmal meine Akte kommen lassen und nachschauen.
Als sich am nächsten Morgen noch niemand bei mir gemeldet hat, habe ich da wieder angerufen. Natürlich hatte ich wenn anderes dran und musste meine ganze Geschichte erneut erzählen. Wieder wurde ich vertröstet. So ging das 6 Tage lang. Am 7. Tag habe ich gesagt, dass ich sofort mit dem Chefarzt sprech will, er hat mich behandelt und müsse es ja schließlich wissen. Er konnte angeblich nicht mit mir sprechen. Also übernahm das seine Sekretärin.
Endlich hatte ich mal eine nette Dame am Telefon. Sie sagte mir, dass sie sich sofort drum kümmert und mich in einer Stunde wieder anruft. Und das hat sie auch tatsächlich gemacht. Ganz traurig klang sie, als sie mir sagte, dass es ihr schrecklich Leid tut, dass bei mir die Aufklärung versäumt wurde und das Material (mein Gott, es ist mein Kind, kein Material!!!) ohne mich beigesetzt wurde.
Völlig verheult habe ich mich ins Auto gesetzt und mich auf den Weg zum Friedhof gemacht. Wie ich da heil angekommen bin, weiß ich selber nicht. Passend zur Situation hat es wie aus Eimern geregnet. Ich stand da
nun also vor diesem Schmetterlingsfeld in dem mein Sohn irgendwo beigesetzt sein sollte. Es war ein ganz komisches Gefühl. Irgendwie fühle es sich nicht richtig an. Ich wollte wenigstens wissen, wann er beigesetzt wurde und bin völlig durchnässt in die Friedhofsverwaltung. Nach mehreren Telefonaten und ganz vielem Blättern in irgendwelchen Ordnern wurde mir gesagt, dass da ein Missverständnis vorliegen muss, da in diesem Jahr noch keine Beisetzung war.
Klitsch nass, enttäuscht und total wütend habe ich mich sofort auf den Weg ins Klinikum gemacht. Der Schwester am Empfang der Gynäkologie habe ich klar gemacht, dass ich sofort mit dem Chefarzt sprechen
möchte. Nach einem kurzen Telefonat, sagte sie mir, dass der Herr Dr. gerade nicht für mich zu sprechen sei. Kein Problem, ich warte. Das kann lange dauern.
Ich werde nicht gehen, bevor ich mit ihm gesprochen habe. (Vor lauter Stolz war ich schon fast einen Meter größer).
Und plötzlich ging dann doch alles ganz schnell. Der Herr Dr. kam und wollte auf dem Flur die Situation mit mir klären. Nachdem ich ihm sagte, dass es für ihn sehr unangenehm werden könnte, wenn das andere Patienten mitbekommen, bat er mich in sein Besprechungszimmer. Auf meine Frage, wie es sein kann, dass mein Kind auf dem Schmetterlingsfeld beigesetzt wurde, wenn dort in diesem Jahr noch gar keine Beisetzung war, sagte er zu mir: „Wir sind auch nur Menschen und machen Fehler.“ „Richtig, Menschen machen Fehler. Aber seine Patienten muss man deswegen noch lange nicht belügen!“ Nachdem ich das sagte, stand er auf, öffnete seine Bürotür und setzte sich an seinen Computer. Ich fragte, ob er mich nun rausschmeißen würde. Das bejahte er. Ich stand auf, ging durch die Tür und sagte: „ Sie mögen ein Chefarzt sein, aber menschlich sind sie ein Arsch.“ Das haben dann auch die Schwestern und Patienten im Wartebereich mitbekommen. Mir war das allerdings egal.
Voller Stolz saß ich im Auto. Ich wusste zwar noch immer nicht, was mit meinem Sohn passiert ist, aber ich wusste ich kann kämpfen. Und ich hatte den Mut einem Chefarzt zusagen, dass er ein Arsch ist. (Bitte
entschuldigt das Wort, aber es ist so passend!)
 
Am nächsten Morgen hatte ich mich etwas beruhigt und rief wieder bei Frau T. an. Der Sekretärin von Herrn Dr.  Sie war sehr bemüht und hat mir versprochen, herauszufinden, was mit dem Material (sie muss wohl objektiv bleiben) passiert ist. Zwei Tage später rief sie mich an und sagte mir, dass das Material an eine
andere große Klinik weitergegeben wurde. Ich fragte sofort: „Für Forschungszwecke?“ Eine Antwort bekam ich nicht. Sie sagte mir, dass sie nun alles für die Beisetzung vorbereiten würde. Nix da, mein Kind kommt zu mir und ich sorge ganz allein dafür, dass er würdig beigesetzt wird. Schließlich kannte
ich nach etlichen Stunden Recherche im Internet meine Rechte. Erschrocken hat mich der Satz: „ Wir können Ihnen das Material auch per Post schicken, dann brauchen Sie nicht extra herfahren.“ Mein Kind wird ganz sicherlich nicht per Post hin und her geschickt. Ich werde ihn abholen. Wir vereinbarten einen Termin. Es sollte ein Freitag sein, 12 Uhr.
 
Mein Mann und ich habe überlegt, wie und wo wir ihn bestatten. Für ihn war es gar keine Frage. „ Er kommt da hin wo er eigentlich sein sollte – nach Hause.“ Das war das Schönste, was er je zu mir gesagt hat und zeigte wieder einmal mehr, dass wir gleich denken und fühlen. Wir bereiteten ein Grab in unserem Garten vor. Er sollte in keiner Ecke sondern mittendrin liegen. So dass er immer bei allem dabei ist und nicht vergessen werden kann.
 
Ich kam pünktlich an und wollte ihn abholen. Frau T. hat mich schon erwartet. Sie saß traurig neben mir und hat mir dann verkündet: „Sie können das Material nicht mitnehmen. Herr Dr. gibt es nicht frei und ohne seine
Freigabe geht hier gar nichts.“ Ich dachte ich höre nicht richtig. Aber sie ließ
sich auf keine Diskussion ein und Herr Dr. war für mich natürlich nicht zu sprechen.
Ich bin gegangen und habe stundenlang vorm Klinikum recherchiert. Ich habe mit Anwälten, Bestattern (die haben gedacht, ich sei verrückt…) und Selbsthilfegruppen telefoniert. Mir Gesetzestexte  aus dem Internet gezogen (alles auf dem Handy – ein Glück gibt es sowas) und bin dann fünf Stunden später wieder auf die
Station zu Frau T. gegangen. Ich habe ihr mein Handy vor´s Gesicht gehalten, ihr erzählt, dass ich meine Rechte kenne und ich diese Geschichte an die ganz große Glocke hängen würde, wenn ich nicht jetzt sofort mein Kind mitbekommen würde.
Sie schluckte, ging kurz zu Herrn Dr. und kam nach etwa 5 Minuten wieder und sagte mir, dass alles vorbereitet sei. Auf ihrem Schreibtisch stand ein kleines lila
Schmuckkästchen. Daneben lag ein Schreiben, dass ich unterschreiben musste und dann bekam ich ihn mit. Frau T. weinte. Sie sagte mir, dass es ihr unendlich Leid tun würde, sie es toll findet, wie sehr ich gekämpft habe und dass sie noch nie erlebt hat, dass eine Frau ihre Fehlgeburt mitnimmt. Ich konnte nicht
weinen. Voller Glück und Stolz war ich.
Überglücklich saß ich mit meinem Sohn im Auto und habe laut Musik gehört und immer wieder mit ihm gesprochen. Ich konnte es kaum erwarten mit meinem Mann zu Hause die Schachtel zu öffnen und unseren Sohn zu sehen.
Wir saßen am Küchentisch und waren beide sehr, sehr glücklich und total aufgeregt. Was würde uns erwarten? Liegt da nun ein Kopf und ein Bein drin? Oder ein ganzes Kind? Wir öffneten die Schachtel und sahen ganz viel Verbandsmaterial. Er wurde eingewickelt und sehr gut zugeklebt. Wir fragten uns, ob man das gemacht hat, damit wir uns das nicht ansehen? Aber wir mussten.
Nun war er da und wir wollten ihn sehen. Ganz vorsichtig haben wir ihn ausgewickelt. Es ist ein Stück Formalin und da liegt er drin. Allerdings ist er nicht mehr vollständig. Wir haben den Kopf, einen Fuß und eine Hand. Es ist der Wahnsinn, was man nach 12 Wochen schon alles sieht. Die Augen, die Nase, alles
da. Ein kleiner Mensch und im Krankenhaus wird von Material gesprochen. Ich werde das nie verstehen können. Voller Stolz haben wir ihn begutachtet. Unser Sohn – endlich da wo er hingehört. Ganz fasziniert saßen wir mit ihm auf dem Sofa. Wir waren uns sofort einig, dass wir ihn nicht beerdigen können. Er bleibt
in seiner Schachtel. Und einen Namen hat er auch bekommen. Schließlich können
wir ja nicht ewig sagen, guck mal, das ist unsere Fehlgeburt.
Es war ein warmer Sommerabend im Juli und ich sagte zu
meinem Mann: „Komm, wir fahren los und stellen ihn deinen Eltern vor.“  Gesagt, getan. Und so haben wir unsere erste Radtour mit unserem Sohn gemacht. Meine Schwiegereltern waren etwas überfordert mit der Situation. Ist ja auch nicht alltäglich. Sagten aber auch gleich, dass sie es toll finden, wie wir mit der Situation umgehen. Und so haben wir ihn überall vorgestellt. Ganz offen gehen wir damit um. Enttäuscht bin ich immer dann, wenn jemand sagt, dass er ihn nicht sehen möchte. Aber nun ja, nicht jeder
kann damit umgehen.
Wir haben schon ´ne Menge mit ihm gemacht. Sein Zuhause hat er kennengelernt, das Meer, er war mit im Urlaub, beim Sport usw. Und inzwischen hat er seinen festen Platz im Küchenregal. Wir haben einen Freund,
der ihn bei jedem Besuch aus seiner Schachtel nimmt und begrüßt: „ Na kleiner Mann, alles klar bei dir? Deine Eltern sind vielleicht verrückt!“ Er ist leider der Einzige, der so reagiert. Alle anderen reden überhaupt nicht mehr drüber. Und das ist das was mich traurig stimmt. Über alles und jeden wird gesprochen.
Nur über unser Kind nicht. Schade.
 


Wann und warum hast Du Dich dazu entschieden, den Kinderwunschweg zu verlassen ?

 
Nach der zweiten Fehlgeburt wurden mein Mann und ich unabhängig voneinander untersucht. Bei mir war alles ok. Nichts sprach dagegen, eine Schwangerschaft zu halten. Auf das Ergebnis meines Mannes mussten wir etwas länger warten und ich habe insgeheim gehofft, dass dabei rauskommen würde, dass wir keine Kinder bekommen können. Dann hätte alles ein Ende, wir müssten damit lernen zu leben und hätten unser Leben wieder für uns. Ich empfand die Zeit als sehr, sehr stressig. Sie lief einfach an mir vorbei. Etwas anderes habe ich gar nicht richtig wahrgenommen. Ich habe gefühlt, dass es wie ein Befreiungsschlag wäre, zu hören, dass unser Weg hier zu Ende ist.
Ich hatte einfach keine Kraft und auch keine Lust mehr. Ich wollte mein Leben zurück. Unser Leben. Unser
schönes Leben. Schlicht. Einfach. Unbeschwert.
Leider war es nicht so. Auch bei meinem Mann hieß es, es sei alles in Ordnung.
Wäre auch zu einfach gewesen … so mussten wir selbst eine Entscheidung treffen.
Und während wir dabei waren immer mehr und mehr davon zu sprechen, dass wir unser altes Leben zurück haben wollen und wir auch ohne Kind glücklich sind, mussten wir eine dritte Fehlgeburt verkraften.
Und genau an dem Tag war für mich vorbei. Drei tote Kinder. Mehr kann ich nicht ertragen. Mehr will ich nicht ertragen. Wir sehen es als Zeichen dafür, dass irgendetwas nicht stimmt. Wir sollen keine Kinder bekommen.
Früher habe ich immer gesagt: Wenn ich mit 30 noch kein Kind habe, werde ich auch keins mehr bekommen. Die dritte Fehlgeburt war 2 Monate vor meinem 30. Geburtstag…
 
 
Wie hast Du den Abschied vom Kinderwunschweg erlebt ?
/
Wie erlebst Du den Abschied vom Kinderwunschweg ?
 
Erleichterung. Als allererstes habe ich Erleichterung erlebt. Als wir gemeinsam sagten, dass unser Weg hier zu Ende ist, fühlte es sich an, als würden Unmengen Balast von mir fallen. Ich war plötzlich leicht und
frei.
Und dennoch ist der Weg schwer. Wir hatten das Gefühl, uns wurden Steine, mitunter ganze Gebirge in den Weg gelegt, damit wir den Kinderwunschweg ja nicht verlassen können.
Immer wieder wurden uns Möglichkeiten aufgelistet.
Ständig haben wir zu hören bekommen, dass wir gar nicht richtig für ein Kind kämpfen. Das habe ich immer widersprochen: Doch, ich habe um meine Kinder gekämpft und nur deshalb kann ich sie  in meinen Händen halten.
Jeder meinte, es gäbe noch so viele medizinische Möglichkeiten. Wir hätten ja nichts davon ausprobiert.
Stimmt. Wir habe nichts ausprobiert. Schon immer haben wir gesagt, dass wir kein Kind mit medizinischer Hilfe bekommen. Entweder passiert es auf ganz natürlichem Weg oder nicht.
Ich finde es schrecklich, mich immer und immer wieder für meine Entscheidung rechtfertigen zu müssen. Früher sagte doch auch niemand: Geh´ in eine Klinik – die machen dir ein Kind. Heute scheint das das normalste der Welt zu sein. Für uns nicht. Wir haben das Gefühl, dass uns der Abschied schwerer gemacht wurde, als er für uns war.
 
 
Worin liegt/lag die besondere Herausforderung beim Abschied vom Kinderwunschweg für Dich/für Euch als Paar?
 
Ganz kurz kam natürlich die typische Schuldfrage auf.
Diese haben wir aber ganz schnell wieder verworfen. Schließlich haben wir uns entschieden nicht weiter nach irgendwelchen Ursachen zu suchen. Zumal wir dafür zu einem Reproduktionsmediziner müssten und wir in diese einfach kein Vertrauen haben.
Die besondere Herausforderung ist, unserem Umfeld klar zu machen, dass es keinen Schuldigen gibt. Das belastet, auch als Paar. Aber wir sind gewachsen, können ganz viel Positives aus unserem Erlebten ziehen. Zwei unsere Kinder musste ich auf natürlichem Weg zur Welt bringen. Eine der Hebammen sagte uns, dass sie es noch nie erlebt hat, dass die Eltern eines toten Kindes so positiv sind. Klar, es war unendlich traurig.
Aber wir haben die Momente dennoch genossen. Schließlich war es die einzige Zeit, die wir mit unseren
Kindern hatten.
 
 
Was war schwieriger als erwartet ?
 
Schwierig ist es auf jeden Fall jemanden zu finden, der darüber mit mir bzw uns reden mag und uns und unsere Entscheidung ernst nimmt.
Immer wieder habe ich das Gefühl, dass unsere Entscheidung belächelt wird und uns niemand glaubt, wie lang und hart unser Weg war. Noch immer denke ich, dass unsere Familien nicht richtig glauben (wollen)
dass wir kinderlos bleiben werden.
Wobei mein Mann immer sagt, dass wir nicht kinderlos sind. Wir haben drei Kinder. Sie stehen im Küchenregal. Und es war natürlich super schwierig, zu sehen wie in unserem Umfeld lauter gesunde Kinder geboren wurden. Anfangs fand ich sie alle blöd, dann war ich super neidisch, inzwischen genieße ich es, die zu sein, die sich spontan und nach Lust und Laune für oder gegen etwas entscheiden kann.
 
 
Was war leichter, als befürchtet ?
 
Ich habe mir den ganzen Abschied viel, viel schwieriger und langwieriger vorgestellt.
Direkt nach meiner ersten Fehlgeburt sind wird lange spazieren gegangen und ganz schnell habe ich gesagt: Es ist ein Wunder der Natur. Mein Körper und der des Kindes sind so schlau zu sagen, dass da etwas nicht stimmt und die Schwangerschaft nicht fortgesetzt werden kann.
Darüber habe ich mich selbst erschrocken. Aber letztendlich ist es so. Ich habe gelernt auf meinen Körper zu hören und da hat er schon gesagt, hier stimmt etwas nicht, es kann nicht weitergehen.
Jetzt, mit etwas Abstand betrachtet, glaube ich, dass ich schon damals das Gefühl hatte, dass sich der Weg dem Ende neigt. Denn schon da haben wir uns vor Augen geführt, wie schön unser Leben ist…auch ohne
Kind.
 
 
Viele Psychologen empfehlen, nach dem endgültigen Abschied vom Kinderwunsch zu verhüten, um wirklich auf allen Ebenen damit abschließen zu können und nicht doch heimlich weiter auf die Hintertüre zu hoffen. Was denkst Du darüber ?
 
So denke ich auch. Ich glaube nicht, dass man mit etwas abschließen kann bzw. abgeschlossen hat, wenn man insgeheim noch drauf hofft.
Man muss nicht nur vom Abschied reden, sondern diesen auch leben und da gehört für mich Verhütung dazu.
 
 
Was hat Dir besonders geholfen/hilft Dir besonders dabei, die Trauer um ein ungelebtes Leben als Mutter und Deine nie geborenen Kinder zu verarbeiten ?
 
Dadurch dass ich meine Kinder hier bei mir zu Hause habe und lange um sie kämpfen musste, habe ich etwas Greifbares. Ich kann etwas in die Hand nehmen und sagen: Schau mal, mein Sohn. Das macht es viel, viel
leichter. Außerdem habe ich das große Glück, dass mein Mann und ich gleich denken und viel darüber reden. Wir sind uns beide sicher, dass unsere Beziehung nicht Stand halten würde, wenn wir sagen würden, dass uns ein Kind zum Glück fehlt. Wir hätten gern ein (lebendiges) Kind gehabt, es soll nur leider
nicht sein. Aber unser Leben ist auch ohne wunderschön und lebenswert.
 
 
Wie sehr hat sich Dein Leben nach dem Abschied vom Kinderwunschweg verändert ?
 
Mein Leben hat sich sehr verändert. Unser Leben hat sich sehr verändert. Wir reden ganz anders, viel intensiver als vorher. Wir haben gelernt, dass wir der Mittelpunkt unseres Lebens sind und dass wir auch, trotz dieses harten Schicksals, ein glückliches und erfülltes Leben haben.
Plötzlich genieße ich Dinge, die vorher selbstverständlich waren. Ich bin etwas ruhiger geworden, nehme mich und meinen Körper viel intensiver wahr.
 
 
Was möchtest Du Frauen mit auf den Weg geben, die noch nicht so weit sind, wie Du ?
 
Alles hat seine Zeit und alles braucht seine Zeit! Lasst euch bloß nichts von anderen vorschreiben.
Geht euren Weg. Bei dem einen ist er länger, bei dem anderen kürzer. Es ist egal, hört auf euch!
 
 
Was sagst Du den Menschen, die ein kinderloses Leben für eigentlich sinnlos und oberflächlich halten ?
 
Solche Menschen kann ich überhaupt nicht verstehen. Wer ein Kind braucht um ein sinnvolles und glückliches Leben zu führen, der hat (in meinen Augen) den Sinn nicht verstanden und ist zu bemitleiden.
Bitte versteht das nicht falsch. Ich bin kein Kinderhasser … ich hätte sehr, sehr gern eigene (lebende) Kinder gehabt. Aber ich kann doch mein Glück nicht von einem Kind abhängig machen.
 
 
Was sagst Du den Menschen, die CNBC bemitleiden ?
 
Dass man uns auf keinen Fall bemitleiden, sondern eher den Hut vor uns ziehen sollte. Schließlich müssen wir mit ziemlich unschönen Dingen klarkommen. Und daher finde ich, dass jede einzelne eine ganze Menge
Respekt verdient hat!
 
 
Wenn Du mit 80 auf Dein Leben zurück blickst: Was wirst Du dann sagen ?
 
Dass ich mein Leben nach meinen Wünschen gelebt habe.
Dass ich für jede einzelne Erfahrung und für all die Liebe, die mir entgegengebracht wurde sehr, sehr dankbar bin.
 
Außerdem – vergesst nicht mir meine Kinder mit ins Grab
zu legen! 🙂

10 Gedanken zu „Starke Stimmen. Starke Geschichten #5

  1. Puh.
    Liebe Emma.
    Ich musste auch zweimal lesen. Schlucke immer noch. Du bist unfassbar stark. Mehr kann ich irgendwie gar nicht schreiben. Weil ich immer noch mir meiner Fassung beschäftigt bin. Die Geschichte mit der Klinik…dein Baby im Küchenregal…deine beiden Kinder die du zur Welt bringen musstest…wieviel kann man eigentlich aushalten frage ich mich…
    Auch du machst Mut und zeigst dass man es schaffen kann. Danke dafür.
    Was mich rasend macht sind tatsächlich die Rechtfertigungen. Es macht zusätzlich unfassbar traurig, dass sich so wenige in unsere Lage versetzen können. Dass so wenige sich wirklich Mühe geben, unseren Weg und unsere Entscheidungen zu verstehen und einfach so stehen zu lassen….
    Du bist außergewöhnlich. Und toll.
    Liebe Grüße :*

  2. Liebe Emma,

    wow… ich muss gestehen, dass ich deine Geschichte zweimal lesen musste. Gestern und heute. So schwer fassbar finde ich sie. Es tut mir sehr leid, dass ihr so ein hartes Schicksal ertragen musstet. Und der Umgang des Chefarztes und der Klinik mit Euch macht mich unfassbar wütend. Echt das Letzte >:( Kein Wunder, dass ihr kein Vertrauen mehr in (Reproduktions-)mediziner haben könnt. Wie Du, wir Ihr gekämpft habt…Wahnsinn! Ich bin sehr beeindruckt und frage mich, ob ich die Kraft gehabt hätte in dieser Situation genauso zu handeln. Ich weiß es nicht. Ich hatte noch nie eine Fehlgeburt. Nur eine biochemische Schwangerschaft von ca. 10 Tagen Dauer. Ich habe also keine Ahnung. Ich dachte immer, dass nach dem Tod beerdigt werden muss. Den Weg eure Kinder nach Hause zu holen und bei Euch zu behalten, wäre mir also gar nicht in den Sinn gekommen. Ich weiß auch nicht, ob es mein Weg gewesen wäre. Vielleicht hätte ich einen Ort zum Trauern gebraucht, den ich gestalten kann der aber nicht Zuhause hätte sein dürfen um Abstand gewinnen zu können. Aber wie gesagt ich habe keine Ahnung. In der Trauer ist alles erlaubt. Und ihr habt euren Weg gefunden. Das ist die Hautsache. Und weißt Du bis vorgestern, wenn Du mich auf der Straße getroffen hättest, hätte ich vermutlich auch ungläubig reagiert und hätte deinen Sohn nicht sehen wollen. Aber deine Geschichte erweitert den Blickwinkel und bricht mit einem Tabuthema. Deine Geschichte zu teilen, ist für mich fast so eine Art Pionierleistung. Und Pioniere müssen leider oft mit vielen unwissenden Menschen zurechtkommen. Es braucht Zeit. Würdest Du mir heute begegnen, wäre ich offener. Den Umgang eures Freundes mit eurem Sohn, finde ich übrigens toll 😀 Liebe Emma, vielen Dank dass Du deine Geschichte geteilt hast und alles, alles Gute auf eurem weiteren Weg!

    Liebe Grüße in den hohen Norden,
    fraujanes

  3. Liebe Emma,

    ganz, ganz großartig finde ich deine Geschichte – und damit meine ich nicht, dass du deine drei Kinder nicht lebend erleben kannst, ich finde es ganz großartig, wie mutig und stark du deinen Weg gehst – ihr euren Weg geht. Du bist ein ganzes Stückchen jünger als ich und ich bewundere dich wirklich, wie du dein Leben annimmst. Ich weiß nicht, wie ich damit umgegangen wäre, wäre ich jünger gewesen, als ich mein Kind verloren habe.

    Ja, dein Weg ist ungewöhnlich, außergewöhnlich. Aber dadurch, dass du deine Geschichte erzählst, eröffnest du neue Blickwinkel. Du machst Mut!

    Wir haben auch den aktiven Kinderwunschweg vor einiger Zeit verlassen, nach über 5 Jahren. Ein einziges Mal war ich schwanger, Riesenzufall, Riesenglück – und nicht wiederholbar, selbst mit den Wunderdingen der heutigen Reproduktionsmedizin — ja, da ist soviel machbar. Aber nicht für mich. Ich kann den Weg nicht mehr gehen.

    Ein bisschen, das muss ich zugeben, beneide ich dich fast um deine Drei im Küchenregal. Sie sind da, greifbar für dich. Ich find‘s irgendwie cool und lässig, dass sie da stehen und bei euch sind. Ich habe nach nicht mal zwei überglücklichen Wochen bekannter Schwangerschaft bestätigt bekommen, dass das HCG gefallen ist – einen Herzschlag gab es nie für mich. Das Krümelchen hat sich so hartnäckig festgesetzt und hatte doch nie eine Chance zu leben. Ich habe mich damals gegen eine Ausschabung entschieden und hatte eine kleine Geburt daheim – aber ich habe nichts, dass ich hätte beerdigen oder behalten können. Hätte ich nicht meinen Blog mit meinen Erinnerungen und mein Sternentattoo und die Narbe auf meiner Seele – man könnte fast meinen, es wäre alles nur geträumt gewesen. Ich glaube, wir haben in unserer heutigen Gesellschaft eine Trauerkultur, die es den Trauernden nicht leichter macht, sondern eher schwerer – man darf nicht drüber reden, nicht ewig trauern und Abschiede haben auch auf eine bestimmte Art und Weise stattzufinden.

    Ich wünsche euch für euer Leben alles erdenklich Gute und grüßt die Drei im Küchenregal ganz herzlich von

    Fi

  4. Liebe Emma,
    deine Geschichte ist so berührend und gleichzeitig so voller Kraft. Ich kann absolut verstehen, dass du nicht alles ausprobieren wolltest. Ich habe 3 ICSIs hinter mir und wünsche mir manchmal, ich hätte damit gar nicht erst angefangen. Ich denke, dass die Medien es so darstellen, dass man mit künstlicher Befruchtung bzw. reproduktionsmedizinischer Hilfe IMMER zum Erfolg kommt. Dass das Unsinn ist, wissen wir alle hier, aber die negativen Fälle lassen sich eben so schlecht vermarkten. Ich finde es toll, dass du so klar in deinen Ansichten bist. Ich versuche das momentan auch. Es ist schlimm, wenn man sich nach so einer Geschichte noch für irgendwas rechtfertigen muss. Sei stolz auf dich. Du hast ganz hart gekämpft, deine Kinder heim zu holen!
    Viele Grüße
    Rheila

    1. Liebe Rheila,

      vielen Dank für deine lieben Worte!
      Genau, ich habe gekämpft. Ich denke jede von uns hat gekämpft – nur auf unterschiedliche Art und Weise.
      Ja, die Medien machen und verrückt und spielen uns immer wieder eine tolle Welt mit happy end vor. Oft genug bin auch ich drauf reingefallen…

      Liebste Grüße
      Emma

  5. Wow, liebe Emma.

    Puh… Mir sind die Tränen gekommen, als ich das gelesen habe. Danke, dass du so offen geschrieben hast.

    Du kannst wirklich stolz auf dich sein. Und du hast so recht, was du sagst wegen dem Hut-Ziehen. Genau das möchte ich dir gegenüber auch tun. Deine Geschichte ist so stark!

    Der Spruch "Everything will be okay…" hängt bei uns im Schlafzimmer, seitdem wir den aktiven Kinderwunschweg verlassen haben. Wir haben auch nicht alles ausprobiert. Es ist schon so, dass man dabei von aussen nicht immer verstanden wird. Daher ist es umso wohltuender, von anderen zu hören, die auch nicht alles gemacht haben.

    Es gäbe noch so viel zu sagen, aber mir fehlen gerade die Worte. Daher vor allem: DANKE. Für deine Offenheit und Stärke. Und danke an Belle und Isa für diese Serie.

    Elaine

    1. Liebe Elaine,

      Danke für dein liebes Feedback!
      Meine Geschichte ist anders und wie Isa oben schon erzählt, war ich mir wirklich sehr unsicher…aber ich freu mich, sie öffentlich gemacht zu haben.
      Inzwischen glaube ich, dass es wirklich am allerwichtigsten ist, in und auf sich zu hören. Ich habe/konnte das nie. Durch den Kinderwunsch habe ich es gelernt und es ist eine riesige Bereicherung für mich und mein Leben!
      Und ich bin soooo froh gelernt zu haben NEIN zu sagen!
      Schön dass auch ihr euren Weg gefunden habt und euch klar wart was ihr wollt und was nicht.

      Alles Liebe und weiterhin ganz viel Kraft!!
      Liebste Grüße
      Emma

    2. Nun sind mir die Worte doch noch zugeflogen, auf meiner Jogging-Runde:

      Was mich an deiner Geschichte besonders rührt, ist, dass du dich nicht geschämt hast. Vor dem Chefarzt. Vor deinem Umfeld, dem du so stolz deine Kinder vorgestellt hast. Vor uns. Dass du sie erzählt hast trotz deiner Bedenken. Davon kann ich mir eine Scheibe abschneiden. Denn die Scham ist leider bei mir irgendwo noch tief drin.

      Wahrscheinlich bist du mit deiner Geschichte nicht ganz so alleine, wie du denkst. Es muss so viel mehr von uns geben, als wir es vermuten, und da sind sicherlich auch solche mit ähnlichen Erlebnissen dabei. Mein Verdacht ist, dass wir dies wohl entdecken werden, sobald mehr von uns sich getrauen zu reden (oder zu schreiben).

      Darum nochmals: danke, dass du dich getraut hast!

      Elaine

    3. Genau das sind die Fragen.
      Warum muss man sich als kinderlose Frau schämen?
      Warum muss ich mich für meine Fehlgeburten schämen?
      Warum mag niemand offen darüber reden?
      Warum ist es so ungewöhnlich es als Teil seines Lebens zu betrachten?
      Es ist so wichtig offen damit umzugehen.
      Für mich war es lebenswichtig! Auch wenn ich nicht immer auf Verständnis treffe. Für mich ist es wichtig, es offen zu benennen.
      Ich freu mich, dass wir doch so viele sind, die gern drüber reden!!

    4. Ich glaube, es hat damit zu tun, dass wir uns oft so alleine fühlen. Mir jedenfalls geht es so. Eigentlich müssen wir uns nicht schämen. Aber wir möchten zur "Herde" gehören (da die meisten in meinem Umfeld Kinder haben, gehöre ich nicht dazu). Wenn wir das nicht können, gibt uns das Gefühl, dass etwas mit uns verkehrt ist. So ergeht es jedenfalls mir.

      Ich bin offen den Leuten gegenüber, bei denen ich mich sicher fühle: meiner Familie, meinen Freunden, und ein paar wenigen anderen. Aber es isoliert mich auch. Meine Trauer isoliert mich. Im Moment ertrage ich es nicht, meine Freundinnen mit kleinen Kindern zu treffen. Das respektieren sie, aber es ist für sie schwierig, Zeit für ein Treffen mit mir allein oder auch nur für ein Telefonat zu finden. Die Kinder absorbieren sie komplett. Und dann haben sie auch andere Sorgen. Kleine Kinder zu haben, ist nicht immer lustig, das sehe ich, selbst wenn ich mir welche wünschen würde!

      In meinem näheren Umfeld gibt es drei Frauen, die Schwierigkeiten damit haben, schwanger zu werden. Ihnen hilft es sehr, mit mir reden zu können (was mich freut und auch mir gut tut), aber ich mache ihnen auch Angst. Weil es mir eben nicht immer gut geht; ich habe ein paar recht schwierige Monate hinter mir. Die Trauer ist kein "Zuckerschlecken", wie wir bei uns in der Schweiz sagen. Es gibt Grenzen, wie viel ich ihnen zumuten kann.

      Das hier ist ein Anfang. Ich merke, wie gut es tut, darüber zu schreiben.
      Je "heiler" ich werde, desto besser kann ich darüber reden, schreiben. Ich wünsche mir, dereinst noch viel offener über diesen Teil meines Lebens sprechen zu können. Je mehr von uns darüber reden, desto weniger fühlen wir uns allein, und desto eher getrauen wir uns, den Mund aufzumachen. Das hoffe ich jedenfalls!

      Elaine

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