Wonderland

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geschrieben von Isa:

„Ich weiß, an was du denkst“, sagte Dideldum,
„aber so ist es nicht, gar nie nicht!“ „Im Gegentum“, fuhr Dideldie fort, „wenn
es so wäre, mag es sein, und wenn es so sein mag, wäre es; aber weil es nicht so
war, ist es nicht. Ist doch logisch, oder?“ („
Was Alice hinter dem Spiegel fand“, Lewis Carroll)

Auch wenn sich mein eigenes Leben nicht mehr um den Kinderwunsch dreht, so verfolge ich doch noch eine Reihe von Blogs zum Thema – sagen wir, aus alter Verbundenheit heraus 😉
Und was mir momentan besonders auffällt sind viele traurige, nachdenkliche, teils auch ängstliche Gedanken, die sich, einer inneren Logik folgend, meist parallel zu mehreren verkündeten Schwangerschaften, jeweils häufen und sich um ein Leben ohne Kind drehen. In der Phantasie. Das ist eine Dynamik, die auch oft in Foren zu beobachten ist. Die Blogger-Gemeinschaft ist eben auch eine recht überschaubare Gruppe – mit entsprechender wechselseitiger Dynamik.
Und so ist es auch nachvollziehbar finde ich – die Schwangerschaft der einen nährt bei allem mitfreuen auch die Angst der anderen „übrig zu bleiben“, zu den „Verliererinnen“ zu gehören. Und sie nährt fabelhaft Schuldgefühle und Gedanken, es vielleicht selber nicht so sehr verdient zu haben.
Das Ganze mischt sich mit überschwänglichen Gratulationen an Neuschwangere und gegenseitigen Versicherungen, aber ganz, ganz bestimmt würden am Ende alle gemeinsam Kinderwagen schieben. Hip Hip Hurra. (oder soll ich besser sagen HIPP HIPP Hurra *grins*)

Ich frage mich, ob das ächt immer so gut ist. Dieses wegwischen und weglächeln und weghoffen des Gedankens, kinderlos zu bleiben. Kurzfristig mag es vielleicht aufbauen, sich gegenseitig regelmäßig zu versichern, das alles werde auf jeden Fall und für jede „mit Kugelbauch enden“. Als sei alles andere gar keine Option. Und wenn, dann eine gefürchtete, ungeliebte, verhasste Option, die schon beim puren Gedanken oft eher Horrorphantasien und Schnappatmung auslöst und das Angstmonster füttert.

Ehrlich gesagt erscheint mir dieser Umgang damit eher, als würde man ein Pflaster auf einen offenen Bruch kleben und drauf pusten. Wird schon *tätschel* Das ging mir aber schon während meiner eigenen Kinderwunschzeit so.
Und irgendwie ernährt sich das Ganze so doch auch selbst, in einem fabelhaften Teufelskreis.
Wenn sich in Gratulationen die Äußerung des „verdient haben´s“ mischen, wenn geäußerten Ängsten vor einem Leben ohne Kind nur der Ausblick auf ein Leben mit Kind entgegen gesetzt wird.
Wenn „dann oder jetzt wird alles gut, du wirst schon sehen“ in seiner Bedeutung nur meint, wenn Du Mutter *andächtigguck* geworden bist.
Druck kommt also nicht nur von außen – den Druck machen sich Frauen auf diese Weise auch aus dem sogenannten inner circle heraus ganz großartig selber.

Ich glaube, mit eins der größten Problem liegt in diesem Leben zwischen den Welten. Diese beknackte Twilightzone……Dieses zweigleisige Ausrichten seines Lebens……..offen zu bleiben und bleiben zu müssen, für beide Optionen, solange noch niemand weiß, wie es ausgehen wird. In der Kinderwunschzeit lebt es sich doch über lange Strecken wie mit dem Fuß auf Gas und Bremse gleichzeitig. Was so unfassbar anstrengend werden kann.
Die eine hat vielleicht noch oder schon wieder Ideen und Träume jenseits eines Lebens als Mutter – verwirklicht aber nichts davon, weil der Kinderwunsch zu viel Befassungsenergie zieht und es ja jederzeit sein könnte, dass man für eine Schwangerschaft dann einiges wieder umwerfen muss.
Andere sind vielleicht viel zu lange schon viel zu fokussiert auf die Umsetzung des Kinderwunsches in eine Lebensrealität, dass sie bereits viel zu erschöpft und/oder viel zu unkreativ sind, sich das Leben noch anders bunt zu träumen.
Und irgendwann steckt man halt so fest……………. in seinen „wenn – dann Postulaten“. Selbst wenn man nie vorhatte, ein panisches Päärchen zu werden oder eine Kinderwunschfrau am Rande ihres Nervenkostüms. Und ich glaube, fast jede hat Phasen in dieser Zeit, in der sie sich selber nicht mehr wieder erkennt.
Über all dem vergeht nicht gelebtes Leben. Das ist so. Das sollte man sich ab und an in´s Bewusstsein holen. Denn Lebenszeit ist kostbar. Zu kostbar, um sie jahrelang unerfüllt verrinnen zu lassen. Find ich zumindest.
Und jede muss sich fragen, wie lange sie den Preis zu zahlen bereit ist. Es gibt eben keine Garantie auf ein Leben mit Kind. Und es gibt Mutterschaft auch nicht als Preis für Wohlverhalten oder besondere Anstrengungen. Es gibt einfach nichts „immer noch richtiger“ zu machen. Aber eben auch nicht so furchtbar viel falsch zu machen – bei den Bemühungen um ein Kind.
Was es aber gibt ist die realistische Möglichkeit auf ein Happy End. Und zwar unabhängig davon, ob sich der Kinderwunsch erfüllt oder nicht !

Was man nicht wissen kann, solange man es nicht erlebt und erfahren hat, ist folgendes:
Ungewollt kinderlos zu bleiben ist etwas ganz und gar anderes als ungewollt kinderlos zu sein !
Klingt das wirr ? Wie kann ich das besser erklären……………..?

Was ich meine ist: Das Leben nach der aktiven Kinderwunschzeit unterscheidet sich in so vielerlei Hinsicht am Ende positiv ! v.a. von der aktiven Kinderwunschzeit, dass man es wirklich nicht vergleichen kann. Es ist ein gänzlich anderes Lebensgefühl. Eine komplett andere Lebensrealität.
Genau so wie es sich unterscheidet, von der Phase VOR dem aktiven Kinderwunsch. Nicht zuletzt auch deshalb, weil man nie wieder die Gleiche ist, wie zuvor.
All die gemachten Erfahrungen verändern einen. Verändern die Sicht auf das Leben. Bei manchen vielleicht mehr und bei anderen weniger. Aber………..man geht anders daraus hervor als man rein gegangen ist.
Und wenn man offen bleibt und ehrlich mit sich selber und nicht wegläuft und sich fortwährend weg duckt vor Schmerz und Trauer………….dann hinterlässt diese Phase des Lebens einem tatsächlich bei weitem mehr positives als negatives. Auch…….oder vielleicht sogar gerade wenn Du nicht mit einem lebenden Kind beschenkt wurdest. Und das nimmst Du mit. In die nächste Lebensphase.

Deshalb kann ich auch nur müde lächeln, wenn jemand (besonders gerne auch Kinderhabende) meinen, zu wissen, wie es ist, dauerhaft kinderlos zu leben: „jaja…..kinderlos war ich schließlich auch mal. Kenne ich. Dieses Lebensgefühl“……………
—–>  „???????????????????………………………!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!……..*grins* …………….
Äh……nööööööööö. Du………… Sorry. Kennze nicht. Macht aber nix. Da kannze ja nun jetzt auch nix für. *lächel*“
Und auch Kinderwünschende kennen sie nicht – die Welt dahinter. Das Leben nach dem aktiven Kinderwunsch.

Wenn Du Dich von der großen Bühne des aktiven Kinderwunsches verabschiedest, dann weißt Du nicht, was Dich erwartet. Viele glauben es, zu wissen. Noch mehr haben Befürchtungen.
Die hatte ich auch – obwohl ich, behaupte ich mal, vergleichsweise sehr ergebnisoffen durch diese Zeit gegangen bin. Ähnlich wie manchmal auch die liebe „Wünsch Dir was“ , vielleicht.

Die meisten Vorstellungen, die Frauen sich von einem Leben endgültig ohne Kinder machen, sind oft eher ziemlich unsexy und traurig.
„Aber so ist es nicht.“ 🙂
So.ist.es.nicht.
Ich schwöre 🙂

Abschied von der Kinderwunschzeit zu nehmen ist wie ……………… als Alice durch den Kaninchenbau zu purzeln………………….und in einer völlig neuen, aufregenden, magischen, bunten, verrückten, reichen Welt zu landen. Einer, die Du noch nicht kanntest. Und die Du Dir SO garantiert nicht ausgemalt hast.
Sie hat nichts mit deinen trüben Vorstellungen und traurigen Gedanken darüber zu tun. Und sie ist in vielem ganz anders, als die Welt, die Du schon kennst.
Und wenn Du Dich aus Deiner Schockstarre nach dem Sturz befreit hast und Deinen Mut gesammelt und dann neugierig los läufst, dann wirst Du sie auch entdecken. Und Abenteuer erleben, die so eben auch nur einem ausgewählten Kreis vorbehalten bleiben. Den CNBC.
Wir sind viele hier, im Wonderland 🙂  – das nimmt man nur nicht so wahr. Und ich glaube, nicht zuletzt ein Grund dafür ist, dass viele von uns einfach zu beschäftigt mit leben sind, um darüber noch zu erzählen 🙂

Das ist unmöglich ? „Nur wenn man nicht daran glaubt“ (Der verrückte Hutmacher)

Sonnige Pfingstgrüße von hinter dem Kaninchenbau 🙂
Isa

16 Gedanken zu „Wonderland

  1. Wow, wieder ein ganz toller Post und vielen Dank für den Einblick in das Leben hinter dem Kaninchenbau, dessen Vorstellung dadurch überhaupt erst möglich wird, zumindest für mich.
    Du schreibst einfach toll, die Art und Weise wie du deine Gedanken zu Papier bringst, selten solch eine tolle schriftliche Entfaltung von Gedankengängen gelesen. Danke dafür und unbedingt weitermachen.

    1. Liebe Sternenmami,
      danke für so viel Lob 🙂
      Wenn es mir gelungen ist, ein wenig "den Vorhang zu lüften", dann freue ich mich.
      LG, Isa

  2. Als mir im letzten Jahr die Idee für den Blogschwestern-Blog kam, habe ich auch daran gedacht, auch eine Blogroll für den Abschied einzurichten – nur: ich kannte keinen Einzigen. Das ich diese "Kategorie" vielleicht selbst mal brauchen würde, wäre mir nie in den Sinn gekommen. Doch die Möglichkeit ist realistisch – und dann?

    Ich habe euren Blog seit gestern komplett gelesen und finde ihn unheimlich witzig, ehrlich, inspirierend und mutmachend!

    Ab heute seid ihr in meiner Blogroll zu finden 🙂

    LG
    ZweiLinien

  3. Liebe ZweiLinien,
    vielen Dank. Es freut mich sehr, wenn Dir das Lesen bei uns gut getan hat. Ja, manchmal sorgt das Leben gut für einen und man findet Dinge genau dann, wenn man sie braucht 😉 Das kenne ich auch.
    Ich glaube, uns entdeckt man innerhalb der KiWu-Bloglandschaft eher so über "Flüsterpropaganda". Hier und dort verstecken sich Hinweise im http://www…..:-) Wir passen ja auch in keine community so richtig rein. Jedenfalls im deutschen Sprachraum nicht. Und meines Wissens sind wir leider immer noch das einzige Blog, dass über diese Seite des Lebens erzählt. Ich hoffe ja immer noch, dass sich das mal ändert und es viel mehr werden, weil ich das wichtig fände. Dass nach dem Kinderwunsch, mit dem Leben ohne Kind nicht das große Schweigen beginnt. Die Hoffnung stirbt zuletzt. 😉 Auch hier.
    Alles Liebe für Dich !
    Isa

    1. pah….Asche über mein Haupt….auch Hope, vom Blog Retortenbaby erzählt "einfach weiter". Das finde ich großartig. Isa

  4. Liebe Isa,

    warum hab ich dich erst jetzt entdeckt? Vielleicht, weil es gerade das ist, was ich JETZT brauche? Noch ist mein Kinderwunschweg nicht zu Ende, aber ich habe bisher nicht den Mut gefunden, weiter zugehen, weil ich nicht weiß, was mich erwartet, wenn mich nicht das erwartet, was ich mir wünsche.

    Denn das was du schreibst, dieses ständige "Mut-machen-durchhalten-dann-.wirst-du-belohnt-werden-du-bist-so-stark" geht mir besonders im Moment ganz schön auf den Senkel. Heißt es, nur wer so lange weitermacht, bis er vielleicht dann doch ein Kind bekommt, ist stark? Liebe Isa, ich habe nicht das Gefühl, dass du "schwach" bist, ganz im Gegenteil.

    Danke für die klaren Worte und die wahrhaften Ein-und Ansichten, du hast mir im Moment mehr geholfen als du vielleicht ahnst.

    Danke.

    ZweiLinien

  5. Liebe Isa,
    auch von mir nichts anderes: bitte schreib weiter so, es macht zum einen unendlichen Mut, dass hinter dem Kaninchenbau nicht alles trist und düster ist, zum anderen sind es einfach unheimlich geistreiche Texte, auf die ich mich genauso freue wie die allwöchentliche Kolumne von Martenstein. Ein dickes Danke dafür!

    1. wow……da bin ich sprachlos…..und das bin ich zugegeben selten 🙂 Das ist ja mal ein fettes Kompliment. Daher ohne weitere Worte, alles Liebe von Isa

  6. Liebe Isa,

    Da schließ ich mich mal meinen Vorrednerinnen an: Bitte schreib weiter diese Texte, die uns allen so gut tun!
    Im März hab ich euren Blog noch verzweifelt verheult gelesen – jetzt bin ich ganz entspannt hinterm Kaninchenbau im Land der 1000 Möglicheiten gelandet – und das es mir hier so gut geht und das ich jedem gutgemeinten "das wird schon noch" freundlich abwinkend begegnen kann, das liwgt zu einem nicht unerheblichen Teil an euch!

    Lg pealotte

    1. Liebe, liebe Pealotte……und Du hast einen nicht unerheblichen Anteil daran, dass uns im Frühjahr viele Mädels hier überhaupt erst gefunden haben. 🙂 Daher gebührt ein riesen Dankeschön auch Dir mal an dieser Stelle !
      Ich habe oft an Dich gedacht – wie es Dir wohl ergangen ist. Um so mehr freue ich mich, Dich heute so positiv zu lesen ! Willkommen im Wonderland 🙂 Ich drück Dich, Isa

  7. Liebe Isa,
    danke für deine schönen Worte. Ich gehöre aktuell noch zu der Fraktion "vor dem Kaninchenbau"… beschäftige mich aber auch aktiv damit, wenn das ganze "ohne Kind im Arm" ausgeht. Deine Gedanken zu lesen, macht mir immer wieder Mut und nimmt mir etwas die Angst vor diesem "anderen Leben". Ich bin aber der festen Überzeugung, dass das was dann kommt, auch gut sein wird…..
    Leider ist dieses ständige "Motivieren" und "Positiv denken" (im Befehlston) aus dem Umfeld (oder auch in Kiwu-Foren) einfach an der Tagesordnung. Das Akzeptieren und die Bereitschaft mit jemanden gemeinsam den schwierigen Weg des Abschieds zu gehen, überfordert anscheinend die meisten.
    Ich schließe mich den anderen an: Bitte weiter schreiben, es bringt mir persönlich viel in meinem Gedankenchaos.
    …. Danke! Bluete

    1. Liebe Blüte, ich danke Dir für Dein tolles Feedback. Es freut mich sehr ! wenn Dir meine Gedanken etwas die Angst nehmen können vor "diesem anderen Leben".
      Viele Nicht-Betroffene oder Noch-nicht-Betroffene sind ganz sicher schnell mal überfordert – so wie viele auch nicht wissen, wie sie z. B. mit Todesfällen richtig umgehen sollen. Und auch der Abschied von der aktiven Kinderwunschzeit ist eben eine Art Sterbeprozess. Da kommen viele an ihre Grenzen.
      Aber……..es gibt auch hier ein Leben danach. Oder eine Wiedergeburt. Je nach Glaubensrichtung. 🙂 Alles Liebe für Dich, Isa

  8. Ach Isa…ich möchte mich manchmal zu dir hinsetzen mit dir nen Latte schlürfen, vielleicht auch mal den Kopf an deine Schulter legen und ich möchte dir dann stundenlang zuhören…du erzählst toll, du machst Mut und findest irgendwie tröstende Worte. Immer eigentlich. Du bringst mich zum Schmunzeln, zum Lachen zum Weinen. Wie wunderbar für unsereinen, dass es Blogs wie diesen hier gibt…bitte bitte nicht aufhören mit Schreiben, vielleicht irgendwann mal, wenn ich auch so weit bin…weil in der Zwischenzeit brauch ich dich hier noch ein bisschen…♥

    1. Du Liebe, ich würde jederzeit einen Latte mit Dir schlürfen und gemütlich klönen….:-) und ich werde Deinen Weg ganz sicher weiter verfolgen. Egal wohin und woher er Dich noch führt. LG, Isa

  9. "Abschied von der Kinderwunschzeit zu nehmen ist wie ……………… als Alice durch den Kaninchenbau zu purzeln………………….und in einer völlig neuen, aufregenden, magischen, bunten, verrückten, reichen Welt zu landen. Einer, die Du noch nicht kanntest. Und die Du Dir SO garantiert nicht ausgemalt hast."
    Sensationell beschrieben – genau so ist es 🙂 Wenn man das nur vorher gewusst hätte, oder ? Dann hätte man sich so manche Angstgedanken sparen können. Grüße von einer anderen hinter dem Kaninchenbau.

    1. Ja – das stimmt. Ich habe irgendwann zum Glück einige englischsprachige Blogs gefunden, von Mädels, die schon den Weg gegangen waren…..das hat mich damals auch beruhigt. Und meine Englischkenntnisse aufpoliert 🙂 LG, Isa

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